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Beitrag von
Anja568 (192 Beiträge) am Mittwoch, 8.Februar.2012, 15:18.
Der ungebetene Gast...
...neulich mal wieder was ausgearbeitet zu einem thema kam mir folgendes zwischen die Finger ... => Der ungebetene Gast ...
" Die Trauer ist ein unerwarteter Gast. Eines schönen Tages weist du das sie wartet. Und Du weißt nicht mal worauf, geschweige denn wie lang. Und noch ein Tag und noch ein Versuch, sie zum gehen zu bewegen. Herrgott, in unserer modernen Welt muss es doch möglich sein, der Lage Herr zu werden! Aber nein, dieses Ding hockt da wie eine Spinne im Netz und wartet. Ok, raus will sie nicht. In Deinem Wohnzimmer ist zu wenig Platz. Also fängst Du an, Dich an sie zu gewöhnen. Stellst den Tisch ein bisschen weiter da und den Stuhl ein bisschen weiter dort - und nun sitzt sie zwar noch immer da, aber nicht mehr in der Mitte. AHA - denkst Du Dir! Ich kann sie nicht zum Gehen bewegen - aber ich kann mich um sie herum bewegen. Ein bisschen Möbel umstellen, ein bisschen Perspektive wechseln und schon sieht sie nicht mehr so bedrohlich aus. Tatsächlich kannst Du sogar um sie herumgehen und sie von hinten anschauen - unspektakulär.. Weitere Tage vergehen und sie setzt schon langsam ein bisschen Staub an, bis sie sich plötzlich wieder mal schüttelt, eine Trauer-Staubwolke aufsteigt und Dich einhüllt. *hust* Du stellst den Tisch noch ein bisschen mehr dort und den Stuhl noch ein bisschen mehr da, und auf einmal ist sie nur noch der Rand Deines Wohnzimmers und nicht mehr das Zentrum. Aber sie sitzt noch immer da. Manchmal wirft sie Dir einen vorwurfsvollen Blick zu und Du fühlst dich versucht, sie wieder in die Mitte auszurichten. Manchmal schüttelt sie sich und hüllt Dich in eine Staubwolke... Aber irgendwann ist sie so eins geworden mit Deinem Wohnzimmer, dass Du sie nicht mal mehr siehst, außer wenn sie sich Grad schüttelt. Und so hast Du aus der Not eine Tugend gemacht und dank dem ungebetenen Gast, der nicht mehr gehen wollte, eine ganz neue Perspektive in Dein Leben gebracht. Und würde man nun die Trauer aus Deinem Wohnzimmer entfernen - so würde ein hässlicher , kahler Fleck bleiben, weil da auf einmal etwas fehlt."
... selten habe ich so treffende Worte gelesen ...fand es einfach zu gut und wollte sie mit Euch teilen...
Heidegrüße Anja..
Dein Beitrag:
Beitrag von
Anja568 (192 Beiträge) am Mittwoch, 8.Februar.2012, 15:18.
Der ungebetene Gast...
...neulich mal wieder was ausgearbeitet zu einem thema kam mir folgendes zwischen die Finger ... => Der ungebetene Gast ...
" Die Trauer ist ein unerwarteter Gast. Eines schönen Tages weist du das sie wartet. Und Du weißt nicht mal worauf, geschweige denn wie lang. Und noch ein Tag und noch ein Versuch, sie zum gehen zu bewegen. Herrgott, in unserer modernen Welt muss es doch möglich sein, der Lage Herr zu werden! Aber nein, dieses Ding hockt da wie eine Spinne im Netz und wartet. Ok, raus will sie nicht. In Deinem Wohnzimmer ist zu wenig Platz. Also fängst Du an, Dich an sie zu gewöhnen. Stellst den Tisch ein bisschen weiter da und den Stuhl ein bisschen weiter dort - und nun sitzt sie zwar noch immer da, aber nicht mehr in der Mitte. AHA - denkst Du Dir! Ich kann sie nicht zum Gehen bewegen - aber ich kann mich um sie herum bewegen. Ein bisschen Möbel umstellen, ein bisschen Perspektive wechseln und schon sieht sie nicht mehr so bedrohlich aus. Tatsächlich kannst Du sogar um sie herumgehen und sie von hinten anschauen - unspektakulär.. Weitere Tage vergehen und sie setzt schon langsam ein bisschen Staub an, bis sie sich plötzlich wieder mal schüttelt, eine Trauer-Staubwolke aufsteigt und Dich einhüllt. *hust* Du stellst den Tisch noch ein bisschen mehr dort und den Stuhl noch ein bisschen mehr da, und auf einmal ist sie nur noch der Rand Deines Wohnzimmers und nicht mehr das Zentrum. Aber sie sitzt noch immer da. Manchmal wirft sie Dir einen vorwurfsvollen Blick zu und Du fühlst dich versucht, sie wieder in die Mitte auszurichten. Manchmal schüttelt sie sich und hüllt Dich in eine Staubwolke... Aber irgendwann ist sie so eins geworden mit Deinem Wohnzimmer, dass Du sie nicht mal mehr siehst, außer wenn sie sich Grad schüttelt. Und so hast Du aus der Not eine Tugend gemacht und dank dem ungebetenen Gast, der nicht mehr gehen wollte, eine ganz neue Perspektive in Dein Leben gebracht. Und würde man nun die Trauer aus Deinem Wohnzimmer entfernen - so würde ein hässlicher , kahler Fleck bleiben, weil da auf einmal etwas fehlt."
... selten habe ich so treffende Worte gelesen ...fand es einfach zu gut und wollte sie mit Euch teilen...
Heidegrüße Anja..
Beitrag von
Tigger (12 Beiträge) am Mittwoch, 8.Februar.2012, 16:08.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo Anja, ich kenne die Dame auch!! Sie zog vor 18 Monaten auch ungebeten bei mir ein ... und machte sich breit, so wie du es beschrieben hast. Da auch ich sie nicht los wurde ... habe ich ihr irgendwann einen Kaffee angeboten ... und angefangen, ihr zuzuhören. Das war ganz interessant ... und ich begann zu verstehen, was sie von mir will. Wir haben uns miteinander arrangiert und ich lerne von ihr ... auch wenn das manchmal bitter ist. Wenn sie jetzt manchmal vom Ausziehen redet finde ich dass ganz komisch ... Liebe Grüsse Christina
Beitrag von
chris48 (116 Beiträge) am Mittwoch, 8.Februar.2012, 17:44.
Re: Der ungebetene Gast...
...und viele andere Geschichten, Gedanken, Gedichte, Sprüche und Gebete findet ihr hier, wenn ihr auf der Startseite auf "Literatur" geht und dann links oben "Prosa" anklickt.
Allen einen schönen Abend!
Christiane
Beitrag von
Mondrose (75 Beiträge) am Mittwoch, 8.Februar.2012, 19:13.
Re: Der ungebetene Gast...
Ref. Prosa - ich kann dort nicht mal mehr meine eigenen Gedichte wiederfinden geschweige andere die ich suche. Vll kann das mal jemand erklären wie das funktioniert.
Finde es sehr schön, dass auch hier immer wieder Geschichten, Gedichte etc. zu lesen sind, denn man hat oft gar nicht die Zeit in 'Prosa' zu verweilen.
Danke für die den schönen Beitrag Anja. Und ja, den Gast kenne ich auch, wohl alle hier.
LG - Mondrose
Beitrag von
MaggieMae (34 Beiträge) am Mittwoch, 8.Februar.2012, 18:40.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo Anja,
danke fürs Einstellen! Es ist wirklich so treffend und gut beschrieben, sehr nett!
Liebe Grüße,
MaggieMae
Beitrag von
Gespenst (291 Beiträge) am Mittwoch, 8.Februar.2012, 19:47.
Re: Der ungebetene Gast...
...wahrscheinlich ist die Trauer die Schwester des Todes... so, wie der Schlaf dessen Bruder ist...
Beitrag von
ekieh (196 Beiträge) am Donnerstag, 9.Februar.2012, 17:30.
Re: Der ungebetene Gast...
Liebe Anja, danke für diesen Beitrag. Ich glaube, egal wieviel Zeit vergangen ist, der ungebetene Gast wird immer da sein, mal mehr, mal weniger intensiv. Liebe Grüße heike
Beitrag von
anni78 (4 Beiträge) am Donnerstag, 9.Februar.2012, 20:09.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo, diesen Gast kenne ich auch, zog bei mir vor 10 Monaten ein. Seitdem versuche ich irgendwie zu überleben.
Gruß Anni78
Beitrag von
NannyOgg (92 Beiträge) am Freitag, 10.Februar.2012, 11:00.
Re: Der ungebetene Gast...
Ein schöner Text. Und so wahr. Bei mir wohnt diese Spinne jetzt seit 20 Wochen. Nicht mehr so raumfüllend wie am Anfang, aber noch da. Mal mehr und mal weniger aufdringlich. Manchmal scheint sie wie ausgewechselt zu sein, mehr liebevolle Erinnerung als bedrückende Trauer, dann plötzlich wieder ganz die alte... Nicht nur ungebeten, sondern auch noch wechselhaft und unberechnbar. Aber der werden wir es schon zeigen!
Beitrag von
Gespenst (291 Beiträge) am Freitag, 10.Februar.2012, 13:29.
Re: Der ungebetene Gast...
Hmmm...interessanter Vergleich... wobei ICH glaube, daß Trauernde eher bei der Spinne wohnen...d.h., in ihrem Netz gefangen sind...und je mehr sie zappeln, desto enger schlingen sich die Spinnweben um das Opfer... geschieht kein Wunder im Sinne von externer Hilfe,die das Netz zerreißt, ist das Opfer verloren...
Beitrag von
NannyOgg (92 Beiträge) am Freitag, 10.Februar.2012, 14:47.
Re: Der ungebetene Gast...
Hm, das würde im Umkehrschluss ja bedeuten, der "Gefangene" sollte besser unbeweglich im Netz der Trauerspinne sitzenbleiben, bloß nicht versuchen, sich freizustrampeln. Und auf fremde Hilfe warten, ohne die es Deiner Meinung nach nicht geht. Das würde ja heißen, der Trauernde ist Dritten völlig ausgeliefert.
Gefällt mir nicht, die Vorstellung.
Ich zappel mich lieber aus dem Netz frei und such mir die Hilfe. Bei Fremden, bei Ärzten, bei Freunden, bei mir selbst, in Büchern.
Die Spinne wohnt bei mir, nicht umgekehrt, denn ich war zuerst da. Sie kämpft um einen möglichst großen Platz in meinem Leben, ohne Zweifel. Aber sie wird nicht mein Leben bekommen.
Eines meiner Lieblingszitate (ironischerweise aus dem Buch "Gevatter Tod") heißt: "Und wenn Du Hilfe brauchst - Du bist immer für Dich da". Wenn ich nicht für mich da sein will, wer denn dann?
Beitrag von
Gespenst (291 Beiträge) am Freitag, 10.Februar.2012, 15:40.
Re: Der ungebetene Gast...
Ja. Trauernde SIND Gefangene. Nämlich Gefangene ihrer Gefühle und Erinnerungen. Wühlen sie in Erinnerungen, verstricken sie sich darin... Ärzte... schreiben Antidepressiva auf... "Der Nächste, bitte"... Freunde... "Du kannst jederzeit anrufen"... blabla... Bücher... können nicht zuhören oder verstehen... sogar Trauernde leben in einer Gesellschaft... die sie leider ausgrenzt... anstatt zu helfen.
*** editiert von Gespenst am Freitag, 10.02.2012, 15:45 ***
Beitrag von
NannyOgg (92 Beiträge) am Freitag, 10.Februar.2012, 16:33.
Re: Der ungebetene Gast...
Zitat: "Ärtze... schreiben Antidepressiva auf... "Der Nächste, bitte"..." Ich geb zu, mir helfen die Tabletten. Und so lange ich mich besser damit fühle und mir nicht selber fremd werde, warum dann nicht? Es soll/kann/muss keine Dauerlösung sein, aber eine Starthilfe.
Zitat: "Freunde... "Du kannst jederzeit anrufen"... blabla..." Und, hast Du das gemacht, sie angerufen?
Zitat: "Bücher... können nicht zuhören oder verstehen..." Aber sie können Dir helfen zu verstehen. Dir helfen, Dir selbst zuzuhören.
Zitat: "sogar Trauernde leben in einer Gesellschaft... die sie leider ausgrenzt... anstatt zu helfen." Dann habe ich wohl wirklich Glück gehabt mit den Menschen, die mich umgeben. Ich werde nicht ausgegrenzt, im Gegenteil, ich werde ziemlich stark einbezogen.
Einen hast Du bei der Gegenargumentation meiner Aufzählung nicht erwähnt, nämlich Dich. Warum?
Aber vielleicht liegen wir auch beide richtig. Menschen sind unterschiedlich, die Schicksale sind unterschiedlich, die Art und Weise damit umzugehen ist unterschiedlich. Vielleicht wohnst Du bei Deiner Spinne und meine Spinne wohnt bei mir.
*** editiert von NannyOgg am Freitag, 10.02.2012, 16:34 ***
Beitrag von
Ikarus (255 Beiträge) am Freitag, 10.Februar.2012, 18:16.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo Gespenst
Das sind alles so pauschale Aussagen, die Individualität bleibt dabei völlig auf der Strecke.
Meine Bücher hören mir zu. Und die antworten auch noch .
Lg Ikarus
Beitrag von
WBaer (147 Beiträge) am Freitag, 10.Februar.2012, 17:20.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo Anja,
sehr gute Geschichte und absolut treffend. Ich hab's mal so gesagt: kannst du deinen Feind nicht besiegen, so mach ihn zu deinem Freund. Kaum zu glauben, doch das geht, denn irgendwann ist es so, dass die Trauer uns hilft nicht zu vergessen. Die Erinnerung wach hält.
Was jetzt kommt, ist nicht auf dich bezogen.
Was ich sonst so in verschiedenen Beiträgen lese von wegen gefangen und auf Hilfe von aussen angewiesen und Forderungen an die Gesellschaft ....
Wer sich nicht selber helfen will, dem wird auch nicht geholfen. Nur einfach rumsitzen ist nicht. Eigeninitiative ist gefragt. Wer sich als Gefangener sieht, hat sich selber eingesperrt und ausgeschlossen. Trauernde sind KEINE geschlossene Gruppe in der Gesellschaft. Trauernde sind Teil der Gesellschaft. Also hoch den Hintern und selbst was tun und nur wo nötig berechtigterweise auch Hilfe verlangen.
Es ist DEIN Leben, DEINE Trauer .... nicht der Anderen um dich herum. Du (und nur du allein!) bist dafür verantwortlich, was du daraus machst.
Ich weis, verdammt schwer und ganz sicher nicht für jeden verständlich, der hier erst frisch angekommen ist. Es geht.
Herzliche Grüße, Helmut
Beitrag von
Anja568 (192 Beiträge) am Samstag, 11.Februar.2012, 01:24.
Re: Der ungebetene Gast...
...wie schön das die paar Sätze so viel neue Gedanken und Ansichten hervorbringen - schön auch ,das wir miteinander auch in der Lage sind den Inhalt , der ja so unterschiedlich verstanden wird - anderen so nahe zu bringen - das daraus auch helfende Hände entstehen könnten - KÖNNTEN- wenn "MANN" sie annimmt und nicht wieder verbal draufschlägt .... also es ist oft genug erwähnt worden - jeder muss für sich selbst entscheiden , wann der Zeitpunkt gekommen ist ,wieder am "Neuem Leben" teil zu nehmen und jeder ist für sich selbst verantwortlich und kann alle Rückschläge die evtl. kommen nicht mit der Verantwortlichkeit ,wieder in andere Hände legen oder Gründe suchen , warum wir mit Trauer nicht fertig werden können und warum es so schwer ist mit anderen in Kontakt zu treten.
Kann man sich gar nicht von Trauer trennen entbehrt man für die Vergangenheit ,seine Zukunft ,kann im Hier und Jetzt fast nicht existieren - sondern lebt im Damals und nockt sich emotional so weit weg ,das es sehr schwer ist dort alleine wieder heraus zu kommen ...allerdings hat "Mann" natürlich die Chance ,nach den helfenden Händen zu greifen - oder auch mal die Tastatur seines Telefons zu betätigen => auch wenn man keine Flat hat ;-)....
Heidegrüße Anja ;-))
Beitrag von
Warriorcat (5 Beiträge) am Samstag, 11.Februar.2012, 23:38.
Re: Der ungebetene Gast...
Mit der Zeit wird der ungebetene Gast zu einem ständigen Begleiter; denn er geht auch mit Dir aus dem Haus. Nicht immer, nicht oft - aber ab und zu. Man gewöhnt sich an ihn, irgendwie.
Schlimm ist, dass dieser Gast - oder Begleiter - nicht spricht. Und ich merke, dass auch ich immer sprachloser werde. Wir hatten keine Kinder, Verwandte sind sehr weit weg und mit sich selbst beschäftigt. Freunde haben sich als ... hm ... ferne Bekannte entpuppt. Es kümmert sich niemand um Dich, wenn Du mutterseelenallein bist. Und Dein verstorbener Partner ist schnell vergessen.
Es ist ein Auf und Ab, eine Welle mit vielen Tälern und wenigen Höhen. Auf den Höhen vergisst Du Deinen ständigen Begleiter fast; in den Tälern ist er immer präsent. Und er lebt von Deiner Kraft, die er in den Tälern von Dir zieht. Nur in den Höhen kannst Du etwas von der Kraft zurückholen.
Ich versuche, eine Sinuskurve zu finden, damit der ungebetene Gast, dieser ständige Begleiter, nicht alle Kraft nimmt.
Beitrag von
Argetlam (10 Beiträge) am Sonntag, 12.Februar.2012, 13:30.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo Anja, hat mir sehr gut gefallen, vor allem das mit der anderen Perspektive. Habe mich mit einem Psychologen unterhalten, der sagte mir ich solle mich mal zu ihm setzen und fragte was ich jetzt sehe. Ich sah ein Bücherregal und die andere Wand. Er sagte das ich das vorher nicht sehen konnte weil ich ja mit dem Rücken zu dieser Wand saß. Es erinnert mich auch ein bisschen an das Lied von Jupitar Jones "So Still" wo es heisst: Stille ist ein Freund geworden. Das passt mit der Trauer auch irgendwie, wil sie ist auch ein Freund geworden. Man kann sich in ihr auch zurüchziehen, nur nicht zuviel. Ich wünsche allen eine schöne Woche. Argetlam
Beitrag von
Gespenst (291 Beiträge) am Sonntag, 12.Februar.2012, 14:05.
Re: Der ungebetene Gast...
...Stille ist nur ein Zeichen für die Gleichgültigkeit der Mitmenschen...
Beitrag von
Mause (448 Beiträge) am Sonntag, 12.Februar.2012, 15:21.
Re: Der ungebetene Gast...
Ach Lutz,
wir sind alle Mitmenschen, fast immer und fast überall. Auch du! Du kannst mit dem ungebetenen Gast leben oder dir weitere Gäste dazu einladen. Du kannst dich auch einladen lassen. Wann warst du das letzte Mal ein "aufmerksamer" Mitmensch? Und wenn du es erst einmal nur für dich wärst. Auch das kann man lernen. Ich glaube dir ja, dass du dich schwer tust und ich will dir keinesfalls mit guten Ratschlägen kommen. Die mag und kann man manchmal nicht hören. Da geht's vielen von uns so. Auch ich kann nicht immer das leisten, was ich eigentlich leisten möchte, auch ich bin nicht immer ein "guter Mitmensch", eine gute Freundin. Dann muss ich erst einmal zu mir ein bisschen gut sein, damit ich auch wieder Kraft für andere habe. Wenn das aus eigener Kraft nicht mehr geht, darf man sich jegliche Hilfe holen.
Ich hab manchmal etwas verrückte Ideen, deshalb mal eine ganz konkrete ebensolche Frage an dich: "Was würde denn passieren, wenn sich ein paar "nicht ganz so gleichgültige Mitmenschen" aufmachten und eines Tages vor deiner Tür stünden?;-) Würde das dein Weltbild ein kleines bisschen verändern?
Ich wünsche dir immer öfter "willkommene Gäste",
marie
Beitrag von
Gespenst (291 Beiträge) am Sonntag, 12.Februar.2012, 17:01.
Re: Der ungebetene Gast...
Beitrag von
NannyOgg (92 Beiträge) am Montag, 13.Februar.2012, 10:43.
Re: Der ungebetene Gast...
Dann ist es aber ziemlich unfair, der "Gesellschaft" vorzuwerfen, sie würde Trauernde ausschließen.
Beitrag von
RoteRosen (2 Beiträge) am Sonntag, 12.Februar.2012, 17:08.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo, der Text vom „Ungebeten Gast“ ist sehr schön. Vielen Dank. Zu der daraus erfolgten Konversation möchte ich folgendes sagen: Braucht nicht jeder Mensch Freunde und Familie, ob in der Trauer oder im „normalen“ Leben ohne Trauer? Braucht nicht jeder Mensch ab und zu Hilfe im Leben? Auch wenn der Spruch sicherlich stimmt „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ (oder wie ich neulich hörte „Jeder ist sein eigener Goldschmied“ :-)) Für mich war und ist es in der Trauer besonders wichtig, dass ich Menschen um mich herum habe, die auf mich zugehen. Trauer ist so eine totale „Sondersituation“ im Leben. Obwohl der Tod zum Leben dazu gehört, haut einen der Tod eines nahestehenden Menschen total um. Ich hatte (und habe) kaum die Kraft, den Tag überhaupt zu überstehen und den Verlust meines Mannes zu ertragen. Ich hatte da - gerade im ersten Jahr - keine oder kaum Kraft, mal eben locker und wie sonst auch zum Telefon zu greifen und zu plaudern. Vor allem dann nicht, wenn Freunde und Familie zwar sagen „Du kannst jederzeit anrufen“ oder „Wir sind immer für Dich da“ und dann aber leider in dem Moment keine Zeit haben, wenn es mir gerade besonders schlecht geht. Nun, da muss ich meine Trauer wohl verschieben. Macht ja nichts, denn aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. (sorry, bin gerade in leicht sarkastischer Stimmung…) Vielleicht haben nicht alle Trauernden Freunde und Familie, die wirklich unterstützen? „Trauernde sind KEINE geschlossene Gruppe in der Gesellschaft. Trauernde sind Teil der Gesellschaft“ – Ja, so sollte es sein! Dazu gehört aber auch, dass sich Freunde und Familie kümmern und zwar vielleicht ganz besonders intensiv. „Es ist DEIN Leben, DEINE Trauer .... nicht der Anderen um dich herum. Du (und nur du allein!) bist dafür verantwortlich, was du daraus machst.“ – Ja, das habe ich nur allzu sehr zu spüren bekommen. Es ist meine Trauer und nicht die der Anderen. Die Anderen sehen nur ihr eigenes Leben, ihre eigenen Probleme. So sind viele Menschen. Wie können Trauernde ein Teil der Gesellschaft sein, wenn ich dann nur allein bin mit meiner Trauer? Weil keiner sich die Mühe macht, sich in meine Situation hinein zu versetzen, wenigstens zu versuchen, zu verstehen, indem sie z.B. im Internet oder in Büchern nachlesen zum Thema Trauer und Trauerphasen etc. – jeder könnte zumindest eine leise Idee bekommen, wie es Trauernden geht. Weil keiner mehr mein „Gejammere“ hören will, weil ich mich im Zusammensein mit Anderen zusammen reißen und funktionieren muss, weil alle meinen, es müsse mir doch jetzt wieder gut gehen, weil alle meinen, dass ich doch einfach nur die Vergangenheit vergessen muss und in die Zukunft blicken soll, weil alle meinen, dass mein Selbstmitleid nun genug sei? Ich habe kein Selbstmitleid, sondern ich vermisse einen Menschen. Ähnliche Ausgrenzungen und Unverständnis in der Gesellschaft erfolgt oft bei Krankheit, Jobverlust o.ä.,, bezüglich Krankheit habe ich auch diesbezüglich sehr unschöne Erfahrungen gemacht. Nur mit dem Unterschied, dass all diese auch sehr schwerwiegenden Probleme und Lebensthemen temporär sind, die Situation lässt sich lösen, man kann eine andere Lösung finden, man lässt sich behandeln etc. Der Tod allerdings ist endgültig, Da hilft ein „mal eine Nacht drüber schlafen“ und „einfach nur glücklich sein“ oder „optimistisch sein“ nicht. Ja, es ist mein Leben. Ich bin allein für mich verantwortlich. Jeden Tag. Das ist so. Leider. Leider ist kaum jemand für mich da, der mich auffängt und bei dem ich mich fallen lassen kann, der mir die Endgültigkeit und die Hilflosigkeit erträglicher macht. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Wo sind die Menschen, die mir helfen, dieses Leid zu teilen? Nein, damit will kaum einer etwas zu tun haben. Zu schlimm sind Gedanken an den Tod, da kommen zu viele eigene Ängste auf. Dann doch lieber abwenden, irgendwann wird es mir schon besser gehen. Bei allem Verständnis für die Ängste und auch für die Hilflosigkeit der Anderen: Könnten die Anderen nicht mal für einen Moment ihre eigenen Ängste und Sorgen zurück stellen und bedingungslos für den Trauernden da sein? Egal wie lange, ob 1 Monat, 1 Jahr oder mehrere Jahre…? Nein, wir Trauernden sollen noch Verständnis haben für die Anderen, die kein Verständnis für uns haben. Schwierig. Ich bin froh und dankbar, dass ich stark bin – so wie wir alle hier, oder? – und dass ich in der Lage bin, mir „selber etwas Gutes zu tun“, denn dadurch schöpfe ich Kraft. Das muss jeder für sich alleine hinbekommen, das stimmt schon irgendwie. Und es ist beruhigend, hier zu lesen, dass es scheinbar nicht nur mir so geht. Und dass ich nicht undankbar bin, wenn ich so etwas schreibe, sondern dass es eben mein Erleben und mein Empfinden und meine Erfahrung ist und dass ich das hier auch so zum Ausdruck bringen darf. Danke dafür.
Beitrag von
May (9 Beiträge) am Sonntag, 12.Februar.2012, 22:01.
Re: Der ungebetene Gast...
Liebe RoteRosen,
vieles von dem, was du geschrieben hast, kann ich nachvollziehen. Ich weiß, dass ich mir selber helfen muß, aber manchmal ist einfach die Kraft nicht da und man wünscht sich, dass man aufgefangen wird. Klar, kann dass nur passieren, wenn ich es auch mitteile. Nur in genau solchen Momenten schaffe ich selbst das nicht. Gestern war ich auf einer Geburtstagsfeier. Es war schön, habe mich mit Leuten unterhalten, die ich noch gar nicht kannte. Alles schien gut zu sein. Auf dem Weg nach Hause hat es mich überrollt. Plötzlich saßen alle meine Toten mit im Auto: mein Vater, mein guter Freund Michael und seine Tochter Annika, selbst meine Oma und natürlich Jochen. Mit Jochen waren auch gleich die Bilder seiner Krankheit da, die vielen Abschiede, der ganze Schmerz. Ich hatte doch alles so gut verpackt und nun war es wieder so präsent. Die Bilder überschlugen sich. Zuhause habe ich mich im Bett zusammengerollt, die Decke hochgezogen und nur noch geheult. Heute bin ich leer, aber auch leichter. Ich mache auch niemanden einen Vorwurf. Nur wer einen geliebten Menschen verloren hat, kann verstehen. Die anderen sind ahnungslos und manchmal beneide ich sie darum. Ich kann es mir nicht aussuchen. Ich kann an der Situation nichts ändern, das einzige was ich beeinflussen kann, ist, wie ich damit umgehe. An manchen Tagen klappt es gut, an anderen weniger gut. Ich versuche, es zu zulassen. Fragt mich jemand, wie es mir geht, wird er hoffentlich mit einer ehrlichen Antwort umgehen können. Es ist ein langer Weg, aber ich gehe weiter und hier sehe ich, dass ich doch nie ganz allein gehe.
Liebe Grüße May
Beitrag von
Jasmin2 (198 Beiträge) am Dienstag, 14.Februar.2012, 13:12.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo May, ich habe dir ins Postfach geschrieben. LG Jasmin
Beitrag von
thowa25 (1 Beitrag) am Freitag, 17.Februar.2012, 18:11.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo RoteRosen, du hast sicherlich mit vielem Recht, wenn die niemanden hast zum Reden bist du auf dich gestellt das ist schade, Freunde die vor der Trauer Freunde waren sind plötzlich nicht mehr für den einzelnen da ich kenne das leider auch seit dem 23.01.2012 und kann´s bis jetzt noch nicht begreifen. Ich lasse meine "Spinne" einfach Zuhause zurück, dann bin ich unter Leuten und habe Ablenkung. Doch vielfach bin ich wie im freien Fall und sehne mich auf den unsäglich harten Aufprall der mich wieder zu meiner Frau bringt. Ein Freund hat den Tod so beschrieben. Stell dir vor ein Segelbot legt ab und verschwindet irgendwann am Horizont, dann ist es für dich nicht mehr zu sehen aber für die Anderen wieder. Da hab ich im entgegnet ich wäre jetzt lieber bei den Anderen. Das würde meinen Jungs mit 8 und 14 Jahren zwar nicht helfen, mir aber schon und ich hätte keine Trauer mehr zu ertragen. Das ist auch das was ich nicht versehen kann oder will. Da verlieren meine Söhne ihre Mutter und der Altag läuft weiter wie bisher, nur dass ich jetzt hinter ihnen herräume und Koche (soweit möglich). Ganz selten bemerken sie dann doch dass etwas anders ist, wenn zum Beispiel mein Großer sagt. Papa jetzt sitz ich ja für immer auf dem Beifahrersitz. .......
Beitrag von
alli1001 (18 Beiträge) am Freitag, 17.Februar.2012, 19:06.
Re: Der ungebetene Gast...
Hallo thowa25, der Alltag geht tatsächlich weiter, bei mir seit 5 Wochen und 2 Tagen, das ist so wenn man ein Kind oder Kinder hat. Für mich ist das der einzige Hält. Mein Kleiner braucht was zu essen, will gewickelt werden, braucht mich zum Spielen, Knuddeln. Das gibt mir allerdings kaum Zeit zu trauern. Das wird bei Dir nicht anders sein. Ich bin mir sicher, dass Deine Kinder trauern, aber jeder trauert nunmal anders. Ich 'nehme' mich tagsüber 'zusammen',um vor dem Kleinen nicht z weinen, er versteht das zwar alles nicht, wird dann aber selbst weinerlich und klammert. Deine Kinder brauchen Dich, sie haben nur noch Dich! Auch wenn es schwer fällt und ich Deinen Wunsch, bei ihr zu sein, verstehen kann, in Euren Kindern lebt Ihr beide weiter. Ich Wünsche Dir viel Kraft und hoffe, dass es doch noch Freunde gibt, die Dich unterstützen. Alex
Beitrag von
Eurydike (11 Beiträge) am Montag, 20.Februar.2012, 23:21.
Re: Der ungebetene Gast...
Lieber thowa25, das was Du von Deinen Jungs schreibst, kenne ich sehr gut. Meine Kinder (17 und 13) tun auch so als wäre nichts geschehen. Sie machen keinen Handschlag mehr im Haushalt (obwohl ich nun arbeiten gehe), sie gehen nie zum Friedhof und manchmal könnte man meinen ihr Vater habe für sie gar nicht existiert. Ich weiß aber, dass das natürlich nicht stimmt. Ich sehe sie noch vor mir wie sie ihren Vater bis zuletzt im Arm gehalten haben! Wahrscheinlich brauchen sie einfach verzweifelt das Gefühl, dass alles irgendwie in Ordnung ist, denn wie sonst könnten sie damit umgehen, einen so wichtigen Menschen zu verlieren. Ich könnte mir vorstellen, dass die Trauer viel später und stückchenweise kommt. Anfangs war ich wütend über ihr Verhalten, aber jetzt akzeptiere ich es. Es hat wohl wirklich jeder seinen eigenen Weg! Liebe Grüße Eurydike
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