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| 79 - 23.12.2010 | 4 Jahre ohne... |
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...ohne dich! Jedes Jahr wache ich in der Nacht vom 22. zum 23. "pünktlich" auf und denke an unsere gemeinsamen letzten Stunden. Denke an die Grenzwerterfahrung, die letzten Atemzüge eines geliebten Menschen zu erleben. Nach dem letzten Herzschlag kam die Erleichterung, dass deine Schmerzen vorbei waren - doch meine Schmerzen fingen da erst richtig an.
...ohne "mein" Leben! Nach langer Zeit, in der ich nicht an Zukunft denken konnte, habe ich den Mut aufgebracht, meine Lebensumstände noch einmal zu ändern. Man könnte sagen, ich habe ein neues Leben gefunden - aber es fühlt sich oft nicht nach "meinem" Leben an. Noch zu oft empfinde ich es als nicht freiwillig gewählt. Ich habe Angst, die Fähigkeit verloren zu haben, echtes Glück zu empfinden. Liegt es an mir? Liegt es an der Vergangenheit? Oder liegt es an der Gegenwart?
Du fehlst mir!
An Tagen wie diesem habe ich nicht die Kraft, es "schönzureden".
Du fehlst! |
| 78 - 29.07.2009 | Das dritte Mal, |
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dass der Kalender völlig sachlich den 29. Juli anzeigt und du, mein Liebster, deinen Geburtstag nicht mehr feiern kannst.
Ich weine.
Auch in diesem Jahr laufen die Tränen ungebremst über mein Gesicht.
Es sind nicht nur die Tränen meiner Trauer. Ich finde mich im Leben meistens wieder zurecht, kann glückliche Momente erleben, auch wenn dein Verlust für immer ein tiefer Schmerz in mir bleiben wird.
Es sind nicht nur Tränen um dich, sondern Tränen für dich. Für alles, was du einfach nicht mehr erleben durftest:
Isabell hat einen super Abischnitt geschafft, sie hat die Abirede gehalten - da wärst du geplatzt vor Stolz! Es ist so schade, dass du nicht mit verfolgen konntest, wie sich ihr Scharfsinn und ihr unnachahmlich trockener Humor weiter entwickelt haben. Manchmal kann ich noch dein Lachen hören, kann sehen, wie ihr beide euch anstrahlt.
Tja, und Anna hat vor zwei Wochen einen Heiratsantrag bekommen. Sie ist mit ihrem Ben seit über zwei Jahren zusammen. Du konntest ihn nicht mehr kennenlernen, wie schade, aber er würde dir gefallen. Nach den vielen gemeinsam durchstandenen Sorgen würdest du sagen: "Siehst du, da ist sie wieder - UNSERE Anna!". Aber wer soll sie nun zum Altar führen?
Du fehlst mir, du fehlst dem Leben. Ich hätte dir so gewünscht, dass du das alles noch erleben dürftest.
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| 77 - 07.06.2009 | Michas Kiste |
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Meine Trauer hat sich gewandelt, drängt mich nicht mehr so oft dazu, meine Gedanken hier niederzuschreiben. Das Aufschreiben und damit das Sortieren und Präzisieren meiner Gedanken hat mir immer sehr geholfen.
Wenn ich nun an meinen Micha denke, dann kann ich dies meist ohne Verbitterung. Ich schaffe es, meine Augen zu schließen und ihn zu spüren. Es ist ein angenehmes Gefühl der Wärme und tiefer Dankbarkeit. Manchmal laufen auch ein paar vereinzelte Tränen über mein Gesicht, aber sie brennen nicht mehr.
Ich habe es geschafft, mein Leben ohne Micha neu zu gestalten. Habe es geschafft, auch wieder Glück zuzulassen, mein Herz wieder ein wenig zu öffnen.
Heute in drei Wochen steht ein Umzugswagen vor meiner Tür. Mein neuer Partner hat sein Haus verkauft und zieht mit seinen drei Jungs zu mir. Wir wagen es.
Mein Büro muss in ein anderes Zimmer und so habe ich mich heute an das Sortieren und Ausmisten gemacht. Dabei fielen mir viele Erinnerungen in die Hände und ich nahm mir vor, eine "Micha-Kiste" einzurichten.
Da war sie wieder - die Trauer in ihrer ganzen Mächtigkeit. Keine leise rollenden sanften Tränen, sondern mein ganzer Körper wurde geschüttelt. Ich habe mich dem hingegeben und zwei Briefe gelesen, die er an mich einst schrieb. Mir kam es fast so vor, als hätte ich vergessen (verdrängt? in der Zeit verloren?), WIE sehr er mich geliebt hat. Für mich etwas überraschend war die Reaktion beim Lesen eines Briefes von mir an ihn noch heftiger. Mir wurde bewußt, dass ich einen solchen Brief heute (noch?) nicht schreiben könnte.
Wenn ich Glück habe und vor allem wohl noch etwas Geduld mit mir, dann kann ich ja vielleicht eines Tages die Klammern und das Fragezeichen aus dem letzten Satz löschen.
Ich werde es nur herausfinden, wenn ich es wage - so viel habe ich schon verstanden.
Und ich möchte es ja auch. Ich bin froh, nicht mehr alleine durch die Welt zu müssen, nicht mehr alleine Entscheidungen fällen zu müssen, nicht mehr alleine einzuschlafen und aufzuwachen. Abgesehen von heute hat die Trauer ihren Platz gefunden.
Wenn ich das jetzt so schreibe, dann denke ich, dass ich heute zwei Postkarten absenden könnte:
Liebster Micha, du fehlst mir so!
Mein lieber Thomas, ich freue mich auf ein Leben mit dir.
Ein vermeindlicher Widerspruch, der viele Tränen fordert. Aber wenn sie geweint und alle Worte geschrieben sind, dann ist es keiner mehr.
Als ich dann zum Schluss auch die Trauerpost sortierte, fiel mir ein Büchlein in die Hand. Einen passenden Abschluß für meinen heutigen Eintrag schrieb Jane Austen:
"Dass uns eine Sache fehlt, sollte uns nicht davon abhalten, alles andere zu genießen."
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| 76 - 30.12.2008 | Sylvester |
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Heute denke ich an die zurückliegenden vier Sylvester. Der Übergang von 2004 zu 2005 war geprägt durch die recht frische Krebsdiagnose, Unsicherheit und Angst vor dem, was kommt. Auch im folgenden Jahr die bange Frage, ob es wohl das letzte gemeinsame Sylvester ist. 2006 wusste ich es. Micha war frisch verstorben, aber die Sylvesterparty hatten wir noch gemeinsam geplant. Und genau so habe ich es auch gelassen, Micha hätte mir was erzählt… nur wegen ihm die ganze Planung umzuschmeißen…
Den letzten Jahreswechsel habe ich in München verbracht. Ich als damals einjährige Witwe zusammen mit einer zwei- und dreijährigen. Wie gerne habe ich mir von ihren Fortschritten berichten lassen, war ich doch selber noch ziemlich am Boden, wollte diese ganzen blöden Feiertage einfach nur schnell hinter mich bringen. Und warum sollte ich mich auf ein neues Jahr freuen?
Tja, und dieses Jahr ist mir nicht bang vor Sylvester (im Gegensatz zu Weihnachten, aber immer einen Schritt nach dem anderen...). Ich wage sogar eine gewisse Vorfreude auf das kommende Jahr.
Das gleiche wünsche ich allen, die die zurückliegende Zeit hier mit mir verbracht haben.
Ich danke allen für ihre Gedanken, die zu mir geschickt wurden. Danke für die wertvollen GB-einträge, die Mails und den Brief. Es tut unendlich gut!!!
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| 75 - 23.12.2008 | Abschied |
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"...in meinen Armen sterben" ist der Titel eines Buches von Dierk Schäfer/Werner Knubben.
Heute vor zwei Stunden und zwei Jahren ist Micha in meinem Arm gestorben.
Wir hatten gehofft, dass es auf diese Art sein darf und ich bin sehr dankbar. Als ich realisiert hatte, dass Micha nicht mehr atmet, sein Herz nicht mehr schlägt, war mein allererster Gedanke: "Gott sei dank, es war gar nicht so schlimm!". In diesem Moment war ich einfach nur erleichtert, dass er nicht den für einen Lungenkrebspatienten zu befürchtenden Erstickungskampf ausfechten musste.
Ich hatte mir vorher keine Gedanken gemacht, wie es sein würde, neben dem leblosen Körper des Mannes zu liegen, den man liebt. Aber es war nichts Schreckliches oder Gruseliges dabei. Es war immernoch der Micha - ohne Herzschlag, aber auch ohne Schmerzen. Ich glaube, ich habe gar nicht gleich geweint. Es war friedlich. Ich habe noch sehr sehr lange bei ihm gelegen. (Ich stelle gerade (verwundert?) fest, dass ich diesen Satz mit einem leichten Lächeln aufschreibe.) Es waren etliche friedliche Stunden. Der Kampf war vorbei...
...zumindest der gemeinsame, aber den mir bevorstehenden hatte ich in diesen Stunden noch nicht in meinen Gedanken.
Als ich dann vor einiger Zeit aus dem oben genannten Buch einen Text las, kam es mir vor wie eine Zeitreise im Zeitraffer. Eine Reise von den Stunden mit dem sterbenden und dem toten Micha, über meine völlige Leere und die depressive Trauer, bis zu den ersten Aufstehversuchen. Dann wieder zurück zu Trauerlöchern und Trauerarbeit bis zu den nächsten Versuchen des Wieder-glücklich-werden-wollens. Die letzte Reiseetappe war der Prozess des Loslassens und des Wieder-glücklich-werden-könnens. Bei den letzten Zeilen dachte ich, Micha zu hören und zu spüren. Ich habe geweint und ich war dankbar.
abschied komm, bring mich noch zum bahnhof und sage mir adieu die treppe steigt so angsterregend hoch drum lass mich nicht allein und geh nicht fort, bevor ich eingestiegen bin wink mir noch nach, bis der zug entschwindet versprich es mir, bei allem, was uns verbindet - voll sentiment und wehmut ist mein sinn - erst wenn ich eine weile fort bin dreh dich um und geh
geh still nach haus, versunken und gefangen und denk an das, was nun vergangen an uns und unser glück an unser leben dann raff dich auf und sichte fein behutsam, was ich dir gelassen ich werde dabei im geist noch um dich sein erst nach und nach entschweben und wohl auch verblassen doch lass ich dich getröstet dann zurück
du wirst es schaffen, glaube mir warst immer stark und hast mir kraft gegeben hab dank, die zeit war gut mit dir doch nun adieu - und du sollst leben
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| 74 - 21.12.2008 | Der letzte Einkauf |
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Heute morgen vor zwei Jahren hat Micha zum letzten Mal das Bett verlassen. Er bestand darauf, Annas Weihnachtsgeschenk mit zu besorgen. Ich hatte schon seit dem Vortag alles versucht, ihn davon abzuhalten, aber sein Wille war trotz absoluter körperlicher Schwäche stärker. Ich hatte riesige Angst, dass er unterwegs total zusammenbricht. Und wenn er einmal in den Händen eines Notarztes gewesen wäre, dann hätten die ihn unter Garantie nicht wieder nach Hause gefahren... Durch das viele Morphium dachten die Leute, ich laufe zum frühen Vormittag mit einem völlig betrunkenen Mann durch den Laden. Ein Verkäufer kannte mich und unsere Lage, holte einen Stuhl und zeigte uns alle möglichen Geräte. Ich weiß nicht, ob Micha wirklich noch mitbekommen hat, welches Laptop es nun geworden ist, aber er war dabei - für seine Anna!
Gegen 10 Uhr lag er wieder in seinem Bett. Ich habe vor Erleichterung geweint.
Wie geht es mir heute? Es ist nicht der stechende Schmerz vom Vorjahr. Eher ein Nebel, der mich schlecht sehen lässt. Laufen in Zeitlupe, Denken ohne Struktur. Alle heutigen Vorhaben versinken in Motivationslosigkeit.
Es ist ein enregieloses Warten darauf, dass die nächsten drei Tage verstreichen.
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| 73 - 15.12.2008 | Noch acht Tage... |
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...bis zum zweiten Todestag. Der Dezember fordert seinen Tribut.
Eine Infektwelle geht um und ich habe nichts mehr dagegenzusetzen. Eine Art Lähmung hat meinen Körper und meinen Geist ergriffen und ich finde keine Energie, sie zu ignorieren und einfach aufzustehen.
Meine verwitwete Freundin Edith fragte mich vor einiger Zeit, wie sich durch die neue Partnerschaft mein Bewusstsein zu Micha verändert hat. Die Antwort ist ebenso einfach wie kurz: gar nicht. Der Schmerz ist nicht mehr und nicht weniger geworden. Manchmal ist er besser zu ertragen und es tut gut, wieder glückliche Momente erleben zu dürfen. Es ist schön, nach so langer Zeit doch wieder einen Blick in die Zukunft zu wagen.
Aber dadurch wird die Vergangenheit nicht verwischt. Es ist toll, mit neuen bunten Farben zu malen, doch es gibt Stellen, die lassen sich nicht überstreichen. Ich möchte es auch nicht!
Also nehme ich den Schmerz auf. Ertrage ihn, ohne zu hadern. "Es ist wie es ist, sagt die Liebe"
Der erste Todestag war wirklich ganz schrecklich. Es kam mir so vor, als hätte ich noch nie einen derart großen Schmerz ertragen müssen. Aber wie misst man seelischen Schmerz? Ist es nicht eher das Bewusstsein, wie man mit ihm umgeht?
Ich denke, das ist der Erfolg meines zweiten Trauerjahres: ich habe gelernt, besser mit dem Schmerz umzugehen. Das bedeutet nicht, ihn zu heilen oder zu verdrängen, sondern ihn anzunehmen und einzuordnen.
Sehr kluge Reden für Jemanden, der angstvoll die Tage zählt....
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| 72 - 08.12.2008 | Vertraute Unbekannte |
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Gestern hatte die Frau meines neuen Partners ihren ersten Todestag. Und obwohl ich sie nie leibhaftig kennengelernt habe, konnte ich in gewisser Weise eine Beziehung zu ihr aufbauen.
Der Vorteil, wenn sich zwei verwitwete Menschen gefunden haben ist der, dass man offen über den verstorbenen Ehepartner reden kann. Man muss nicht erklären und vor allem muss man nicht schonen.
So konnte ich sie also aus seinen Erzählungen doch etwas kennenlernen. Ich kenne ihren Mann, kenne das Haus, welches sie geplant hat und - das Wichtigste - ich erlebe ihre drei Jungs. In ihnen lebt sie weiter und die drei sind wirklich gut geraten. Ich habe sie in mein Herz geschlossen und damit irgendwie auch ihre Mutter.
In den vergangenen zwei Nächten habe ich sehr schlecht geschlafen. Der gestrige Tag war auch für mich traurig, nicht nur, weil es ihm nicht gut ging. Ich habe die Überlegung, ob mir dieses Gefühl "zusteht" beiseite geschoben und meine Stimmung einfach nur aufgenommen und akzeptiert.
Vorhin habe ich meine Tagebucheinträge zu Michaels erstem Todestag gelesen. Die Empfindungen waren sofort wieder in Erinnerung. Für mich wäre es zum damaligen Zeitpunkt noch unvorstellbar gewesen, an eine neue Partnerschaft zu denken. So, wie es wohl der großen Mehrheit der verwitweten Frauen ging. Alle Witwer, die ich gefragt habe, geben den Zeitraum, in dem eine neue Beziehung wieder in die Nähe der Vorstellung rückte, einheitlich mit einem halben Jahr an. Nicht unbedingt nur eine Frage des Verdrängens, kein Besser oder Schlechter, kein Maß für die verstorbene Liebe - einfach nur eine andere Art des Umgangs mit der Trauer und dem neuen Leben.
In 15 Tagen ist Michas zweiter Todestag. Es ist nicht nur ein Datum. Es ist ein Raum, es ist ein Gefühl.
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| 71 - 16.11.2008 | Aus den Fugen |
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Heute vor vier Jahren ist mein Leben aus den Fugen geraten. Wir bekamen Michaels todbringende Diagnose.
Dieses Bild ist in mir eingebrannt und ich sehe es, als wäre es erst gestern passiert.
Und doch ist es schon so lange her.
Seit dem 16.11.2004 habe ich 56 Chemos, 25 Bestrahlungen, 2 OP's, viele nervenzerreibende Diagnostiktage, Hoffnungen und Enttäuschungen, wertvolle gute Tage und körperliche Zusammenbrüche mit Micha gemeinsam durchlebt.
Ich habe den Tod mit ihm erlebt.
Ich habe nach seinem Tod weitergelebt und musste noch etliche Schicksalsschläge ohne ihn bewältigen. Oft hat es sich gar nicht nach Leben angefühlt.
Es war und ist Arbeit - Trauerarbeit. Ich bin darin voran gekommen, habe gelernt, den Verlust zu akzeptieren und alleine meinen Weg zu finden.
Erst habe ich mich nur mit dem Verlust, der Trauer, der Sehnsucht und dem Alleinsein beschäftigt. Doch ich habe immer häufiger gespürt, dass mir auch die zwei Jahre der Krankheit noch sehr "in den Knochen stecken".
Es geht mir wieder recht gut, ich habe mich zurechtgefunden, mein "neues Ich" in weiten Teilen angenommen. Ich kann wieder glückliche Tage erleben.
Aber an einem Tag wie heute, da bin ich einfach nur gelähmt. Nichts von dem, was ich mir für heute vorgenommen hatte, konnte ich in Angriff nehmen.
Von Zeit zu Zeit holt sie mich ein, unsere Geschichte.
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| 70 - 26.10.2008 | Alles gut? |
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Nun habe ich auch schon eine Vielzahl der "zweiten Male" hinter mir. Der zweite Geburtstag, der Micha nicht älter gemacht hat. Vorgestern der zweite Hochzeitstag, der unsere gemeinsame Zeit nicht verlängern konnte. Es wäre der zehnte gewesen und wir hatten vor, an den Ort der Flitterwochen zurückzukehren. Die Zweiten sind einfacher zu ertragen als die Ersten. Ihr Schatten reicht nicht mehr so viele Tage zurück, wie man vor den Ersten Angst hatte. Ich weiß, dass alles überlebbar ist. Ich bin stärker geworden. Stark genug, um nicht zu zerbrechen und stark genug auch, um den Schmerz erneut zuzulassen.
In den letzten 22 Monaten habe ich gelernt, alleine zu leben. Habe mir mit Isabell einen Alltag geschaffen. Ruhige, zufriedenstellende Routine mit viel Gefühl.
In den vergangenen zwei Ferienwochen war mein neuer Freund mit seinen drei Jungs bei uns. Ich habe geträumt, dass in dieser Situation Micha erscheint. Er ist aus dem Koma (in dem er nie lag) erwacht und liegt nun geschwächt auf dem Sofa - ein vetrautes Bild. Seine einst so schönen kräftigen Beine sind noch dünner geworden als ich sie kannte. Meine Freundin Edith ist auch mit ihren Mädchen da. Ich erkläre Micha, dass wir alle verwitwet sind und er lange im Koma lag. Mein Freund streicht mir liebe- und verständnisvoll über mein Gesicht und verabschiedet sich.... Dann erwache ich.
Ich erwache mit dem Bewusstsein, dass der Traum nicht als Michaels "Dazwischenfunken" in mein neues Glück zu deuten ist, denn daran war ihm immer viel gelegen. Ich erwache neben einem fremden Gesicht und weiß, dass eine echte Vertrautheit erst in Jahren wächst. Ich erwache weinend und frage mich, ob man die totale Liebe nur einmal im Leben geben kann.
Der "Fremde" erwacht, sieht meine Tränen und fängt mich auf.
Ich genieße den liebenden Trost. Ich vermisse Michaels Vertrautheit. Ich nehme den Moment auf. Ich vergleiche nicht. Ich lebe.
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