Praxis - Erwachsene
Bereiche der Verarbeitung
Umgang mit Erinnerungen
Bilanz ziehen Große Dankbarkeit
Bilanz ziehen
Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass ich immer wieder "Bilanz ziehe", wie die Vergangenheit eigentlich war, und dabei habe ich völlig verschiedene Phasen durchgemacht. Es gab bisher alles, von einem völligen "Heiligenbild" am Anfang mit der Verleugnung negativer Wesenszüge des Verstorbenen, über die Erkenntnis, dass es eine völlig "normale" Ehe war, bis hin zur Hinterfragung der ganzen Beziehung in ihren problematischen Aspekten. Man hat keine Gelegenheit mehr, irgendetwas direkt mit dem Partner zu besprechen oder zu kritisieren.
In der aller ersten Phase konnte ich nur bis in die Krankheitszeit zurückdenken, die ja länger dauerte, wobei ich mir wünschte, es könnte anders sein. Erst nach und nach kamen Erinnerungen an die Zeit "davor" zurück, manchmal wie Mosaiksteinchen, die kein Bild ergeben wollten. Es gab keine Gesamterinnerung, sondern immer wieder nur Bruchstücke, die auf einmal da waren - auch ohne "Abruf" - manchmal bei bestimmten Erlebnissen, Sätzen, die ich hörte, Musikstücken usw. Jeder, der eine längere Ehe oder Beziehung geführt hat, weiß, wie schwierig es auch manchmal sein kann, und gerade das sind die Dinge, an denen man länger zu "knacken" hat als an den einfachen, glücklichen Momenten. Hinzu kommen Kommentare anderer Menschen, die ihn kannten, und die ihn in ganz anderen Zusammenhängen erlebt haben - ob es die eigenen Kinder sind, Arbeitskollegen oder z. B. Verwandtschaft - jeder hat andere Aspekte erfahren. Und das alles ist unwiderruflich, endgültig, unabänderlich. Darin sehe ich den großen Unterschied zu getrennt lebenden Paaren, die wissen, dass irgendwo noch jemand ist, den sie anrufen/sprechen/hören/provozieren/was auch immer können. Aber der Tod rückt alles in ein anderes Licht.
Verfasser ist mir bekannt, möchte aber anonym bleiben.
|  | Oliver |
Große Dankbarkeit
Da der Tod meiner Frau plötzlich und unerwartet und in meinen Augen brutal kam, habe ich versucht einen Weg zu finden, der die Trennung "langsam" und "einfühlsamer" vollzieht. So habe ich in unserer Wohnung alles so gelassen, wie es war. Viele Leute brauchen eine Veränderung - bei mir war es genau anders. Diese bekannte, gewohnte Umgebung hat mir einen Großteil an Sicherheit gegeben. Ich habe eine Bildersammlung zusammengestellt, die meine Frau oder uns zusammen während unserer gemeinsamen Zeit zeigt. Dazu stellte ich eine Kerze und eine Blume. Jeden Tag habe ich für sie gebetet und "zu ihr gesprochen". Viel Zeit habe ich auch an ihrem Grab verbracht. Ich brauchte einfach etwas "greifbares" um mit der Situation fertig zu werden. In tiefen, einfühlsamen Gedanken habe ich unsere gemeinsame Zeit Revue passieren lassen. Das war bestimmt nicht einfach und tut oftmals auch sehr weh. Aber ich habe mich der Situation gestellt und heute denke ich, dass es für mich persönlich der richtige Weg war. Durch diese Gedanken und der Art der Verarbeitung des Geschehenen glaube ich zu verstehen, warum sich in der Vergangenheit gewisse Dinge ereignet oder eben nicht ereignet haben. Eine endgültige Bestätigung bekommt man natürlich nicht, aber vielleicht dafür ein Gefühl, dass einem hilft, das Schicksal ein wenig besser annehmen zu können.
Es sind zwar erst ca. 10 Monate seit dem Tod vergangen und doch ist es eine lange Zeit des Verarbeitens, was letztendlich dazu geführt hat, dass die Trauer mehr und mehr einer großen Dankbarkeit gewichen ist. Dankbarkeit dafür, einen (kleinen) Teil seines Lebens mit einem wunderbaren Menschen verbracht zu haben. In unserer gemeinsamen Zeit gab es nichts was nicht ausgesprochen wurde. Somit hoffe ich, dass auch das ein wichtiger Punkt ist, der dazu beiträgt, ein Lebenskapital irgendwann einmal beruhigt schließen zu können.
Verfasser ist mir bekannt, möchte aber anonym bleiben.
|  | Oliver |
|