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© 2001 - Robert Scheithe
Trauer


    Praxis - Kinder

    Erfahrungsberichte

    Tony

    Die ersten Monate
    Der Alltag
    Ein Dorffriedhof




    Die ersten Monate

    Mein Sohn hat sehr lange bebraucht, um den Verlust seines Vaters zu überwinden und er hat auch heute noch Schwierigkeiten, wenn er andere Kinder mit ihrem Vater spielen sieht.

    Fangen wir aber beim Tag X an. Es war furchtbar, diese Nachricht irgendwie kindgerecht zu verpacken. Was danach folgte habe ich sehr lange verdrängt. Tony weinte und schrie, selbst stärkste Medikamente brachten ihn nicht zur Ruhe. Seine Körpertemperatur ging bedrohlich nach unten, sein Lebenswille war gebrochen. Er wollte sterben um bei seinem Vater sein zu können. Mit seinen 6 Jahren suchte er ständig nach Messern, alle Fenster mussten verriegelt werden. Diese Phase hielt ca.1 Woche an.

    Mir kam dann der Gedanke, ihn ein Päckchen für seinen Vater packen zu lassen. In diesem Moment war Tony sehr froh darüber, etwas tun zu können. Er packte all die Sachen ein, die er seinem Vater ins Grab mitgeben wollte. Am Tag der Beerdigung nahm er dieses Päckchen mit zum Friedhof. Die Bestatter reagierten ganz toll und befestigten es mit Klebeband auf dem Sarg.

    Einige Tage später ging Tony wieder in die Schule. Ich weiß bis heute noch nicht, ob diese Entscheidung richtig war. Seit der Einschulung waren gerade 4 Wochen vergangen. Was muss in ihm beim Lesen der Fibel durch den Kopf gegangen sein; überall stand da "Papa", "Mama" usw. In den folgenden Wochen entwickelte er seine Art, den Schmerz zu bekämpfen. Er wurde so übertrieben albern, dass es kaum noch möglich war, mit ihm irgendwo hinzugehen. Obwohl seine Umgebung wusste, warum er so war, stieß er überall auf Ablehnung. Diese Phase zog sich durchgängig bis einem weiteren einschneidenden Erlebnis (ungefähr 6 Mon.) hin.

    Meine Oma lebte in einem Pflegeheim. Bei unseren Besuchen erlebte Tony intensiv wie das Leben sich auf natürliche Art zu Ende neigt. Er sah die einsetzende Blind- u. Taubheit, das Wickeln der alten Menschen und auch deren Einsamkeit. Er sah aber auch, dass der Tod Erlösung sein kann und die alten Menschen keine Angst davor haben. Nie ließ er sich vom Personal aus dem Zimmer weisen, z.B. beim Urinbeutel wechseln. Diesmal konnte er sich von einem geliebten Menschen verabschieden. Diese Erfahrung war unheimlich wichtig für ihn. Auf der anderen Seite erschreckte es mich immer wieder, wie schnell Tony seine kindliche Unbefangenheit verlor.
    Oliver


    Der Alltag

    In den ersten Wochen gaben sich die Lehrer sehr viel Mühe damit, verständnisvoll zu wirken. Es war aber zu spüren, dass sie der Situation genauso ohnmächtig gegenüberstanden wie wir. Bereits nach 4 Wochen fand das erste "Muttergespräch" statt. Darin wurde mir mitgeteilt, dass Tony sehr albern sei und seine Mitschüler davon genervt wären. Mir wurde angeraten, einen Psychologen aufzusuchen. Über dieses Thema möchte ich aber zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher berichten.

    Tony entwickelte sich den folgenden Jahren zu einem guten Schüler, dass Verhaltensproblem blieb aber noch sehr lange. Immer wenn sich der Todestag seines Vater näherte, war es besonders schlimm.

    Schwierigkeiten gab es auch in der Freizeitgestaltung. Gemeinsam mit seinem Vater hatte Tony beschlossen, zum Judo zu gehen. Mein Mann war früher Boxer und Tony wollte genauso stark wie sein Vater. Schnell zeigte sich, dass er für diese Sportart viel zu sensibel ist. Wie sollte sich Tony nun entscheiden ? Er hatte seinem Vater ein Versprechen gegeben, dessen war er sich mit seinen jungen Jahren schon voll bewusst. Wir haben sehr viel darüber gesprochen, eine Entscheidung konnte nur Tony allein treffen. Er quälte sich wochenlang beim Training, bis er selbst beschloss aufzuhören. Besser ging es ihm trotzdem nicht. Seine Selbstzweifel wurden immer stärker; er hielt sich für die absolute Niete. Ich wollte ihm so gern helfen, aber bei uns auf dem Dorf ist das Freizeitangebot über den Sport hinaus minimal.

    In meiner Not wandte ich mich an unsere junge Pastorin. Endlich hatte ich jemanden gefunden, der die Situation meines Sohnes verstand. Sie lud Tony zu einem unverbindlichen Besuch der kleinen Blockflötengruppe ein und er war begeistert. Endlich konnte er zeigen, dass auch er etwas gut kann. Heute spielt Tony bereits drei Instrumente und besucht die Musikschule in unserer Kreisstadt. Sein Selbstbewusstsein ist enorm gewachsen.
    Oliver


    Ein Dorffriedhof

    Ich möchte hier noch schildern, wie schwer es für ein Kind sein kann, wenn sein Vater auf einem kleinen Dorffriedhof beerdigt ist.

    Im ersten Bericht schrieb ich von dem Päckchen, welches auf dem Sarg war. Die Diskussionen darüber waren noch nicht richtig verklungen, da regte man sich schon wieder auf. Tony hatte ein Bild für seinen Vater gemalt. Wir haben es in eine Klarsichtfolie gelegt und mit einem Gummiband am Grabstein befestigt. Ich ließ mich vom Dorfklatsch nicht beirren und gestattete meinem Sohn auch weiterhin die alleinige Grabgestaltung.
    Im Laufe der Zeit wurde dies auch akzeptiert. Dann gab es plötzlich eine neue Friedhofsordnung, in der stand, dass Kinder unter 12 Jahren nur in Begleitung von Erwachsenen den Friedhof besuchen dürfen. Ich fuhr zur Amtsgemeinde und teilte den "Herrschaften" mit, dass ich mich an diese Anordnung nicht halten werde. Mit welchem Recht wollten sie meinem Kind verbieten, mit seinem Vater allein auf dem Friedhof sein zu dürfen. Von da an hatten wir Ruhe.

    Tony führt noch heute auf dem Friedhof lange Gespräche mit anderen Trauernden. Selbst sehr alte Leute freuen sich, wenn sie ihn dort treffen. Sie spüren seine Unbefangenheit und haben
    in ihm auch einen Gesprächspartner, der ihre Einsamkeit versteht.

    Diese Erfahrungsberichte wurden mir von Heike Schönberg zugesandt.
    Oliver


    Weitere Beiträge zum Thema: Erfahrungsberichte
     Abschiednehmen
     Bericht einer Halbwaisen

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