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Praxis - Erwachsene
Das Grab
Erfahrungen mit dem Grabstein
Wenn der Stein dann steht...
Wenn der Stein dann steht...
Sabine ist vor mehr als 2 Jahren gestorben. Zuerst war der Gedanke an einen Grabstein völlig unwichtig. Es gab so viele andere wichtige Sachen. Aber dann, ganz langsam, gab es auch Überlegungen darüber. Was wird ihr gerecht, wie sollte er aussehen, was sollte darauf stehen. Bei ersten bewußten Begutachtungen der anderen Grabsteine auf dem Friedhof fast immer dasselbe Resultat : Standardform, überwiegend poliert, Name, Geburts- und Sterbedatum, kein Spruch. Reicht ja auch. Alles andere bleibt in den Gedanken erhalten. Wofür ist so ein Grabstein? Zum Auffinden der richtigen Grabstätte oder doch mehr? Und immer wieder die Frage: Was wird ihr gerecht? Es soll auf gar keinen Fall protzig aussehen, aber auch so ein Standardstein? Worauf achte ich, wenn ich Grabsteine anschaue und Namen und Daten lese: Auch so jung gestorben! Ist das nicht oft der Fall, wenn auf dem Grab ein Stein in Form eines aufgeschlagenen Buches steht? Ein Buch, das nicht mehr zu Ende gelesen werden konnte. Die Gedanken rotieren. Was wird ihr gerecht? Ich beschloß, mir Steine bei Steinmetzen anzuschauen. Eigentlich dasselbe Resultat, nur ohne Schrift. „Was stellen sie sich denn vor?“ Tja, was stelle ich mir eigentlich vor? Ich versuche meine Gedanken in Worte zu fassen. „Ich möchte eine Form, die darstellt das Leben zwar endlich ist, aber dass das nicht bedeuten muß, daß es für die Seele nicht weiterhin eine andere Form der Existenz gibt. Vielleicht etwas das nach oben hin offen ist.“ Schweigen. Dann die Antwort: „Die modernen Sachen stehen weiter vorne.“ Die „modernen Sachen“ sind Variationen mit schiefer Aufsicht, gewellten Kanten oder dreieckig statt viereckig. Ganz gewagt sogar, ein rundes, liegendes Modell. Ich merke, daß ich hier nicht richtig bin.
Ein Freund erzählt mir von einem Bekannten, der Steinmetz ist, jetzt aber Architektur studiert und zur Finanzierung des Studiums künstlerisch gestaltete Grabsteine zu normalen Preisen herstellt. Ich treffe mich mit ihm. Wir sitzen an einem Spätsommerabend auf dem Balkon und führen ein langes Gespräch. Er stellt Fragen wie: „ Was war deine Frau für ein Mensch? Was für ein Leben hat sie geführt? Wie ist sie gestorben?“ Er versucht sich ein Bild von ihr zu machen. Ich rede über 2 Stunden. Er macht sich Notizen. Ich versuche wieder das mit dem „nach oben offen“ zu erklären. Dann die Frage: “Soll ein Spruch mit drauf?“ Ich überlege. Dann sage ich, was eigentlich schon länger im Kopf ist. „Ja, er soll lauten: Der Körper braucht die Seele, aber die Seele braucht keinen Körper.“ Nun war es raus. Darum ging es die ganze Zeit. Das sollte der Stein ausdrücken. Er sagt, daß er darüber nachdenkt und mir dann einen Entwurf schickt. Ich dachte auch nach. War das richtig so? Ist das die Essenz aus einem Leben, das was für andere sichtbar bleibt? Steht das alles für sie, oder sind es meine Gedanken? Ein kurzer Blick von Vorübergehenden wird auf diesen Stein fallen. Und in diesem Moment soll er all das ausdrücken, was für sie steht. Das kann nicht klappen. Sie werden dasselbe denken wie ich beim Betrachten von Grabsteinen mit solchen Daten. So jung gestorben. Also ist es doch eine Sache, die mir wichtig ist und die ich für sie machen will. Es vergeht einige Zeit und es kommen vereinzelt verhaltene Beschwerden, daß das Grab ohne Stein schwer aufzufinden ist. Ich beschrifte eine weiße viereckige Marmorplatte mit ihrem Namen. Sonst nichts. Ich lege die Platte in die obere Hälfte des Grabes und stelle unterhalb des Namens eine Vase mit Blumen darauf. Nun ist das Grab benannt. Irgendwann kommt der Entwurf. Thüster Kalkstein, unbehandelt. Vier viereckige längliche Steinsäulen die zusammengefaßt sich zur Mitte verjüngen, nach oben auseinanderstreben und am oberen Ende wie abgebrochen wirken. In der Mitte auf einer Seite Name, Geburts- und Sterbedatum, auf der daneben liegenden Seite der Spruch. Er soll nicht gerade, mit einer Seite nach vorn, sondern diagonal aufgestellt werden. Ich hatte zunächst keine Meinung dazu. Es ist auch alles irgendwie abstrakt. Und wieder die Frage: Wird ihr das gerecht? Nach vielen Erklärungen und Überlegungen über das, was machbar ist, stimme ich zu.
Wieder vergeht einige Zeit und es kommt auch zu Verzögerungen durch saisonbedingte Lieferschwierigkeiten des Rohsteines. Merkwürdigerweise stört es mich nicht. Zwischendurch Anmerkungen von anderer Seite: Eigentlich wäre es schön gewesen, wenn der Stein zum 2.Todestag gestanden hätte. Aber ich will eigentlich nicht drängen. Und dann geht es auf einmal doch ganz schnell. Nachdem der Rohstein abgeholt werden konnte, ist der eigentliche Grabstein innerhalb von 3 Wochen rausgehauen. Es gibt eine Besichtigung vor der Anbringung der Schrift. Das Abstrakte hat Form angenommen und steht nun monumental in hellem, ein Meter fünfzig hohen Kalkstein vor mir. Ich bin beeindruckt. Er sieht viel besser aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Und er drückt wirklich etwas aus, wirkt aus sich heraus. Kurze Zeit später der Termin zur Aufstellung. Ich habe an diesem Tag keine Zeit, zeige nur morgens die Grabstelle, um keine Verwechslung zuzulassen. Am späten Nachmittag gehe ich dann zum Grab, um den Stein an seinem Bestimmungsort anzuschauen. Auf einmal weiß ich, warum es mir nichts ausgemacht hat, das solange kein Grabstein vorhanden war. Der Stein ist trotz aller Überlegungen und seiner subtilen Schönheit wie ein 800 KG schwerer Stempel auf einem Blatt, auf dem Endgültig steht. Eine Tatsache, die auch vorher schon klar war, aber jetzt ist sie auf gar keinen Fall mehr zu übersehen und hat wohl auch symbolischen Charakter. Der letzte Schritt der Phase des Gehenlassens, jedenfalls für mich.

Michael Gomolka |  | Oliver |
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