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Trauer


    Praxis - Erwachsene

    Die letzten Monate

    Knoten in der Brust

    Ich habe einen Knoten in der Brust
    Ich kann nicht mehr hoffen
    Der Krebs hat nicht nur schlechte Seiten
    Mitten im Gespräch gestorben




    Ich habe einen Knoten in der Brust



    April 1998



    "Ich hab einen Knoten in der Brust”

    Der Satz klang lange in meinem Kopf nach. Ich wusste sehr genau was das bedeuten konnte. Aber das konnte ja gar nicht sein.

    An diesem Tag kurz nach Weihnachten 1997 waren wir schon um 21:30 Uhr ins Bett gegangen, um uns noch einen gemütlichen Fernsehabend zu machen. Die Kinder lagen alle drei auch schon im Bett und hatten sich nicht mehr gemeldet, was eher eine Seltenheit war. Im Fernsehen lief eine halbwegs interessante Magazin-Sendung, es war inzwischen kuschelig warm unter der Bettdecke und nun dieser Satz...

    Mein Beruf als Fachkrankenpfleger auf der Intensivstation hatte mich auch nicht davor bewahrt, so zu denken wie alle anderen: So etwas betrifft dich und deine Familie nicht. Ich hab einen Knoten in der Brust ! Der Satz wiederholte sich in meinen Gedanken. Ich begann krampfhaft darüber nachzudenken, was für andere Ursachen das haben könnte. Es gab bestimmt tausend andere harmlose Erklärungen.

    “Michel, hast du überhaupt gehört was ich gesagt habe?” Natürlich hatte ich es gehört. Und endlich antwortete ich: ”Bist du sicher?” “Hier fühl doch mal.“ Sabine nahm meine Hand und legte sie auf die Stelle auf ihrer rechten Brust, wo sie den Knoten gefühlt hatte. Ich legte all meine verfügbare Sensibilität in meine Fingerspitzen und sperrte mich doch gleichzeitig dagegen etwas zu ertasten, was ich nicht wahrhaben wollte. ”Hmm”, sagte ich, "ich kann nur eine kleine Verhärtung spüren. Aber ob das ein Knoten ist, das kann ich dir beim besten Willen nicht sagen.” Ich schaute in Ihr Gesicht. Es spiegelte Verunsicherung und eine Art unspezifische Angst wider. ”Ich weiß was du jetzt denkst” antwortete ich auf ihre unausgesprochene Frage, “aber es gibt eine Menge andere Möglichkeiten, die als Grund dafür in Frage kommen, als das an was du jetzt denkst.” “Guck mal, die Brustwarze hat sich eingezogen”, sagte sie, “Das war bei einer früheren Freundin von mir auch und dann stellte sich heraus, das es Krebs war.”

    Nun war das Wort ausgesprochen. Ein böses Wort mit schrecklichen Assoziationen. Mehr ein Urteil als eine Diagnose. Ein Wort dessen Bedeutung jedem klar ist, aber trotzdem wird möglichst wenig darüber nachgedacht. Jetzt fällt dieses Wort an einem ruhigen, lauschigen Winterabend der eigentlich so schön begonnen hatte. Aber vor allen Dingen : Das Wort gehörte zu einem Satz den meine eigene Frau gerade gesagt hatte! “Das muss ja aber nicht bedeuten, dass es bei dir genauso ist.” entgegnete ich. “Hast du nicht auch erzählt, dass Julia aus der rechten Brust nicht trinken will ? Vielleicht hast du da einen Milchstau oder eine Brustdrüsenentzündung. Und überhaupt, das eine Brustwarzeneinziehung ein Symptom für Brustkrebs ist, habe ich noch nie gehört.”

    Hätte ich in diesem Moment bloß ein Fachbuch zur Hand genommen, wie ich es dann später getan habe. In unserem uralten Pschyrembel von 1977 stand unter Symptome des Brustkrebses :” im fortgeschrittenen Stadium solitärer schmerzloser Knoten von derber Konsistenz, der nicht verschiebbar ist und der die darüber liegende Haut bzw. Mamilla eingezogen hat.“ Aber das wusste ich damals nicht. Ich hatte es wirklich noch nicht gehört, oder nicht behalten, als wir es im Unterricht besprochen hatten vor vielen Jahren.

    “Vielleicht ist es aber besser, wenn du dir einen Termin bei deinem Gynäkologen holst, wenn du dir soviel Gedanken machst und solche Ängste hast.” fügte ich noch an. “Ich hab sowieso einen Termin nächste Woche” sagte Sabine und nahm ihre Hand von der Brust, die sie die ganze Zeit selber nochmals abgetastet hatte.” Ich glaube auch das es mehr als eine kleine Verhärtung ist. Bei der letzen Krebsvorsorge hat er die Brust nicht abgetastet, weil er meinte, während der Stillzeit kann man nichts ertasten. Aber diese Verhärtung wird er wohl fühlen. Und du meinst es ist nichts Schlimmes ?” “Nein,” sagte ich, “ich glaube nicht, dass es was Schlimmes ist.” Eine ganze Weile dachte ich noch über das alles nach, während ich ohne wirklich etwas wahrzunehmen zum Fernseher schaute. Ich wollte aber weder Sabine noch mich selber weiter beunruhigen, bevor nicht das Ergebnis der gynäkologischen Untersuchung vorlag. Also beschloss ich meinen eigenen Schlussworten Glauben zu schenken und langsam nahmen Bild und Ton des Fernsehprogramms wieder Raum in meinem Kopf ein.
    Oliver


    Ich kann nicht mehr hoffen

    Ziemlich genauso spielte sich der Abend ab, in dem sich der Krebs in unser Leben schlich und meiner Frau Sabine zwei Wochen nach ihrem 39. Geburtstag auch das Leben nahm. Er hat aber auch etwas von mir genommen. Ich kann nicht mehr hoffen. Wir haben beide in jedem Stadium der Krankheit gehofft. Vielleicht sogar mehr als das. Wir haben sogar geglaubt, dass wir es schaffen werden.

    Wir sind einen anderen Weg gegangen und haben von Anfang an nicht nur auf die Medizin vertraut. Sabine hat viel gelesen und mir darüber erzählt. Ich habe auch angefangen zu lesen und begriffen, dass da über Sachen geschrieben wurde, die wir uns für uns selber auch überlegt hatten. Das Krebs kein Urteil sein muss, dem man nicht ausweichen kann. Das Krebs eben eine Krankheit ist, die Auslöser hat, die vielmehr im psychischen Bereich liegen als man glaubt oder als die Schulmedizin zugibt. Das der eigene Körper mit seinem Immunsystem mehr ausrichten kann als jede Chemotherapie. Ob man nun ein ein Buch aus der Esoterikecke, ein Buch von einem christlichen Geistheiler oder ein wissenschaftliches zur Hand nahm, der Kern war immer gleich: Wenn die Psyche lange leidet, ob bewusst oder unbewusst, wehrt sie sich über den Körper.

    Nicht gleich mit Krebs. Aber wer misst schon immer ständigen grippalen Infekten oder auch einer Nierenbeckenentzündung die richtige Bedeutung zu ? Das kann ja immer mal sein. Heute weiß ich, dass beinahe jede Krankheit eigentlich nur das Ergebnis einer leidenden Psyche ist. Und die medizinische Behandlung, die durchaus ihr Gutes hat, oft trotzdem nur symptomatisch bleibt.
    Oliver


    Der Krebs hat nicht nur schlechte Seiten

    “Der Krebs hat nicht nur schlechte Seiten, er hat uns auch Gutes gebracht.” hat Sabine mehr als einmal gesagt. Es stimmt, er hatte uns wieder viel weiter zusammengeführt als wir es die Jahre vorher waren. Wir haben sogar in den letzten anderthalb Jahren mehr gelacht als vorher. Und mehr geredet, wir waren nie soviel zusammen unterwegs trotz der Kinder, haben nie vorher so intensiv unser Umfeld von Nachbarn bis Kneipe, von Kindern bis Bücher, von Müttern bis Ämtern wahrgenommen. Wir hatten nie vorher ein solches Gemeinsamkeitsgefühl. Nie vorher haben wir so viele Dinge wirklich geändert, von Ernährung bis Meditieren, von Wehren bis Nichtaufregen, von Verständnis bis Wut zulassen. Wir haben trotz allem Witze mit den Ärzten gemacht und bis einen Tag vor ihrem Tod Zukunftspläne geschmiedet und überlegt was wir unbedingt ändern müssen. Wir haben auch etwas dafür bekommen. Sabine hat ihre neu gewonnene innere Ruhe bis zum allerletzten Moment behalten und nach Aussage der Ärzte, haben wir auch ein halbes Jahr gewonnen.
    Oliver


    Mitten im Gespräch gestorben

    Nachdem im April 1998 die rechte Brust entfernt wurde und die erste Nachuntersuchung im November völlig OK war, wurden im Januar 1999 unzählige Lebermetastasen festgestellt. Es war die Rede von explosionsartigem Auftreten. Die Prognose war zu diesem Zeitpunkt denkbar schlecht. Bei einer ersten Nachuntersuchung im April war das Wachstum aber nicht weiter fortgeschritten. Bis im Mai dann eine Blutung auftrat, und sich der Krebs wahrscheinlich über die Blutung im gesamten Bauchraum ausbreitete. Am 24. August morgens ist Sabine dann mitten im Gespräch gestorben. Bis dahin war sie bis auf zwei ganz kurze Aufenthalte nach der Brustamputation nicht mehr im Krankenhaus, alles ist ambulant abgewickelt worden. Und Sie brauchte bis auf wenige Ausnahmen keine Schmerzmittel und war somit die ganze Zeit klar im Kopf. Mehr noch, sie hat die ganze Zeit am Leben teilgenommen, war für die Kinder, mich, Freunde und Verwandte ansprechbar, hat manchmal denen die sie trösten wollten Trost gegeben und vieles noch geklärt was ausgesprochen werden musste.

    An ihrem Todestag, mitten im August, haben draußen im Garten die Magnolien geblüht.





    Michael Gomolka
    Oliver

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