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Beitrag von conny2 (1304 Beiträge) am Dienstag, 5.März.2019, 15:18.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    im Umkehrschluss bedeutet das dann wohl auch, dass ich für den Rest meines Lebens allein bleiben werde.

    (…)

    Diese Konsequenz ist, glaube ich, nicht zwingend, liebe Sammy2009. Liebe und Trauer sind zwar zwei Seiten derselben Medaille aber keine statischen Zustände, die keiner Veränderung unterliegen können. Es kann daher sein, dass die Veränderung auch eine neue Partnerschaft einschließt, ohne jedoch die Liebe zu der/dem Verstorbenen zu beenden, wie freilich auch die damit einhergehende Trauer darüber, dass er nicht mehr da ist. Das scheint anfangs undenkbar, könnte sich aber im Laufe der Zeit als miteinander vereinbar erweisen. Allerdings kommt es dabei auch auf die Lebensumstände an, in denen man steht und die sehr unterschiedlich und vielfältig sein können. Gewiss spielt u.a. das Alter eine Rolle. Für mich z.B. hat die Frage einer neuen Partnerschaft nicht mehr dieselbe Bedeutung wie für einen erheblich jüngeren Menschen, die/der vielleicht auch noch minderjährige Kinder hat. Wenn sich Dein Mann gewünscht hat, dass Du nicht für den Rest seines Lebens alleine bleiben solltest, dann würde ich das zumindest als Option nicht kategorisch ausschließen. Deshalb ist es auch gut, dass Dir die schönen Seiten der Welt wieder in den Blick geraten. Das ist eine gute Voraussetzung dafür, dass sich auch die Lebensfreude wieder regen kann.

    LG, conny2


    *** editiert von conny2 am Dienstag, 05.03.2019, 15:27 ***

Dein Beitrag:

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Beitrag von Sammy2009 (242 Beiträge) am Montag, 18.Februar.2019, 21:37.

  Kenn mich grad nicht aus

    Frage an Euch „alten Hasen“:
    Ist es normal, dass man sich der Trauer „verweigert“?
    Ich ertappe mich dabei, dass ich mich den Gedanken an die zurückliegenden Tage/Wochen verweigere.
    WILL nicht daran denken, denn sie haben mich so viel Kraft gekostet!
    In mir schreit es regelrecht „NEIN“… liegt es daran, dass die Schmerzen so intensiv wie zu Beginn der Katastrophe vor einem Jahr waren?

    Irgendwie kenne ich mich grad selbst nicht mehr aus… Schmerz ja/nein – Erinnerungen ja/nein – und eigentlich möchte ich nur meinen Liebsten wieder zurück :(


Beitrag von Carlchen65 (138 Beiträge) am Dienstag, 19.Februar.2019, 13:40.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Hallo,

    ja es ist "Normal".
    Es gibt ja die berühmte 4 Phasen der Trauer.
    Es braucht seine Zeit und es kommt auch schon mal vor, daß man wieder gefühlt fast am Anfang steht. Für mich ist es wie in einem Labyrinth zu sein.
    Es ist auch manchmal eine Art Selbstschutz. Also vieles wird in unserem Kopf/Gehirn gesteuert.
    Ich sehe in deinem Profil du hattest deinen Jahrestag. Bei mir war es jetzt der 11.02..
    Mir geht es z. Zt. auch nicht so "gut" . Doch es ist jetzt der 5. Jahrestag und ich weiß in 1-2 Wochen geht es mir wieder besser.

    Viele Grüße Carolin



Beitrag von conny2 (1304 Beiträge) am Dienstag, 19.Februar.2019, 15:31.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Liebe Carolin,

    das sogenannte 4-Phasen-Modell gilt heute als überholt. Trauer ist insbesondere kein linearer Prozess, der im tiefsten Schmerz anfängt und nach drei weiteren, von einander abgrenzbaren Phasen von selbst aufhört und womit alles wieder gut ist. Näheres dazu u.a. hier (lesenwert):

    http://t1p.de/xquj

    Zitat:

    "Die meisten Menschen erleben die Trauer als Pendeln zwischen Kummer, Sehnsucht und Leere einerseits - verlustbezogene Prozesse - und Verdrängung, Ablenkung und Nach-vorn-Denken - wiederherstellungsbezogene Prozesse - andererseits."

    Zitatende

    So ist es wohl. Ich denke auch, dass Liebe und Trauer wie zwei Seiten derselben Medaille sind. Solange man liebt, trauert man auch. Und wenn man lang und intensiv liebt, was auch nach dem Tod des/der PartnerIn noch möglich ist, trauert man auch lang und intensiv. Diesem Zusammenhang kann man weder entfliehen, noch sich verweigern. Man kann nur versuchen, ihn anzunehmen (zu akzeptieren). Doch kann man das nicht einfach für sich beschließen und dann ausführen. Aber es hilft viel, sich dabei daran zu erinnern, dass die Welt auch eine schöne, positive Seite hat, der wir auch als Trauernde näher treten können und an der wir uns auch erfreuen dürfen (wiederherstellungsbezogener Prozess).

    LG, conny2


    *** editiert von conny2 am Mittwoch, 20.02.2019, 19:39 ***

Beitrag von Sammy2009 (242 Beiträge) am Dienstag, 5.März.2019, 09:47.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Lieber conny2,

    "...Ich denke auch, dass Liebe und Trauer wie zwei Seiten derselben Medaille sind. Solange man liebt, trauert man auch. Und wenn man lang und intensiv liebt, was auch nach dem Tod des/der PartnerIn noch möglich ist, trauert man auch lang und intensiv. Diesem Zusammenhang kann man weder entfliehen, noch sich verweigern..." - damit hast Du vermutlich den Nagel auf den Kopf getroffen.
    Mein Gefühl sagt mir, dass es genau so sein wird. Die Liebe hat keinen Schalter, den man beliebig umlegen kann. Sie ist und bleibt da - im Umkehrschluss bedeutet das dann wohl auch, dass ich für den Rest meines Lebens allein bleiben werde. Das hätte sich mein Mann nicht für mich gewünscht - es wird wohl der einzige Wunsch bleiben, den ich ihm nicht erfüllen kann...

    Jetzt bin ich erstmal froh, dass diese Karnevalszeit vorbei ist. Wie ich diese Zeit letztes Jahr überlebt habe, weiß ich gar nicht mehr... genau in dieser Zeit hat mein Mann ja für immer die Augen geschlossen. Vielleicht halte ich deshalb diese Zeit nicht mehr aus!?

    Dass die Welt auch schöne Seiten hat, habe ich zwischenzeitlich auch wieder bemerkt und ich denke, dass irgendwann auch wieder die Lebensfreude da sein wird. Im Moment ist es - wie so oft - ein Balance-Akt.

Beitrag von conny2 (1304 Beiträge) am Dienstag, 5.März.2019, 15:18.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    im Umkehrschluss bedeutet das dann wohl auch, dass ich für den Rest meines Lebens allein bleiben werde.

    (…)

    Diese Konsequenz ist, glaube ich, nicht zwingend, liebe Sammy2009. Liebe und Trauer sind zwar zwei Seiten derselben Medaille aber keine statischen Zustände, die keiner Veränderung unterliegen können. Es kann daher sein, dass die Veränderung auch eine neue Partnerschaft einschließt, ohne jedoch die Liebe zu der/dem Verstorbenen zu beenden, wie freilich auch die damit einhergehende Trauer darüber, dass er nicht mehr da ist. Das scheint anfangs undenkbar, könnte sich aber im Laufe der Zeit als miteinander vereinbar erweisen. Allerdings kommt es dabei auch auf die Lebensumstände an, in denen man steht und die sehr unterschiedlich und vielfältig sein können. Gewiss spielt u.a. das Alter eine Rolle. Für mich z.B. hat die Frage einer neuen Partnerschaft nicht mehr dieselbe Bedeutung wie für einen erheblich jüngeren Menschen, die/der vielleicht auch noch minderjährige Kinder hat. Wenn sich Dein Mann gewünscht hat, dass Du nicht für den Rest seines Lebens alleine bleiben solltest, dann würde ich das zumindest als Option nicht kategorisch ausschließen. Deshalb ist es auch gut, dass Dir die schönen Seiten der Welt wieder in den Blick geraten. Das ist eine gute Voraussetzung dafür, dass sich auch die Lebensfreude wieder regen kann.

    LG, conny2


    *** editiert von conny2 am Dienstag, 05.03.2019, 15:27 ***

Beitrag von marina71 (267 Beiträge) am Dienstag, 5.März.2019, 15:59.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Lieber Conny,

    ein schöner Beitrag von Dir!

    Ich gebe es ehrlich zu, so einen Beitrag hätte ich früher von Dir nicht für möglich gehalten - Du selbst möglicherweise auch nicht?

    Nun, die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber vielleicht kann man mit der Zeit den Blickwinkel ändern/weiten. Und wieder die schönen Seiten der Welt wahrnehmen, welcher Art auch immer.

    Mir scheint, Du bist auf Deinem Trauerweg ein gutes Stück vorwärts gekommen (was nicht heißt, dass ich voraussetze, dass es ein Ende des Trauerweges gäbe). Nach viel Ärger im Job heute für mich die schönste Erkenntnis des Tages.

    Herzliche Grüße
    Marina

Beitrag von Holzkopf (602 Beiträge) am Dienstag, 5.März.2019, 17:14.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Jetzt ergibt es sich wieder, dass der Anfang ein anderes Thema hatte als nun die weiteren antworten.
    Ich möchte jedoch gerne auf conny2s Antwort selbst antworten, mich aber dann doch noch an Sammy2009 wenden.
    Hallo conny2,
    auch ich war gerade sehr erstaunt und gleichzeitig sehr erfreut, als ich Deine Antwort zu einer möglichen Partnerschaft gelesen habe. Natürlich auch das Verallgemeinernde, dass es durchaus wieder schöne Momente des Lebens geben kann.
    Man muss sie nur sehen und zulassen.

    Hallo Sammy2009,
    ich selbst gehöre nicht zu denjenigen, die eine Partnerschaft nach dem Tod ihres Partners eingegangen sind.
    In dem Forum "Neue Partnerschaft" gibt es dazu jedoch ganz viele Beiträge von Menschen, die aus eigener Anschauung schildern, wie es möglich ist, besonders dann, wenn beide Partner verwitwet sind, die jeweiligen verstorbenen Partner in das neue Leben zu integrieren.

    Auch wenn dies wohl jetzt kein aktuelles Thema für Dich ist, kann ich Dir die Lektüre nur empfehlen.

    Für das gesamte Leben nach dem GAU kann ich für mich sagen, was auch viele andere hier immer wieder beschrieben haben, dass es keine lineare Entwicklung von stetiger Verbesserung gibt, sondern ein Auf und Ab, mit jeweils sich verkleinernden Amplituden dieser Wellen.
    Lieben Gruß
    Anke

    *** editiert von Holzkopf am Dienstag, 05.03.2019, 17:14 ***

Beitrag von conny2 (1304 Beiträge) am Dienstag, 5.März.2019, 19:26.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Liebe Marina, liebe Anke,

    ich war auch früher nicht so rigoros, wie es vermutlich klang, gegen das Eingehen einer neuen Partnerschaft. Ich habe allerdings leider zu heftig bezweifelt, dass das möglich sein soll, wenn gleichzeitig die Liebe zu der/dem verstorbenen Partner*in über den Tod hinaus weitergelebt wird, nicht in Form nur eines stillen Gedenkens, sondern im Sinne des Wortes von Stefan Zweig, dass niemand fort ist, den man liebt und dass die Liebe ewige Gegenwart ist. Inzwischen kann ich mir das aber vorstellen, wenn auch nicht für mich selbst.

    LG, conny2


Beitrag von everest (599 Beiträge) am Mittwoch, 6.März.2019, 12:39.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    In Zeiten der Trauer – in den ersten Wochen, Monaten und Jahren – verändern sich viele Sichtweisen, Einstellungen usw. Vieles, was man sich am Anfang nicht vorstellen konnte und wollte, relativiert sich.
    Und das ist gut so!

    Man sollte nie „nie“ oder „immer“ sagen!

Beitrag von Sammy2009 (242 Beiträge) am Mittwoch, 6.März.2019, 13:04.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Danke, lieber conny2, vielen Dank für Deine Worte. Du warst mir in diesem Thema eine außerordentlich große Hilfe und Deine Wortwahl/Ausdrucksweise fühlt sich wie Balsam auf meiner geschundenen Seele an.

    LG Sammy2009

Beitrag von Andy58 (113 Beiträge) am Donnerstag, 7.März.2019, 16:21.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Liebe Sammy2009,
    ich glaube das es normal ist. Du willst irgendwie raus aus diesem Strudel, der Dich wieder erfasst und Dich in ein weiteres Trauerloch zieht. Das war bei mir auch so, und dabei habe ich beobachtet, dass diese Strudel kleiner werden.
    Als meine Frau vor 27 Monaten gestorben ist, bin ich auch das erste Jahr danach wie Falschgeld in der Welt herum gelaufen. Ich habe Alles verdrängt was die ersten drei Monate nach ihrem Tod passiert ist. Erst jetzt gelingt es mir, diese Zeit für mich aufzuarbeiten. Und erst jetzt kann ich es zulassen. Und, ich schreibe es für mich auf. Tag für Tag, an den ich mich wieder erinnere. Und dass ich das jetzt mache, daran hat mein großer Enkel einen erheblichen Anteil.
    Ja und wenn ich zaubern könnte, würde ich auch meine Frau wieder körperlich neben mir haben wollen. So ist sie nur gedanklich allgegenwärtig, und das ist auch schön.
    Danke fürs Zuhören.
    Andreas


Beitrag von Sammy2009 (242 Beiträge) am Donnerstag, 7.März.2019, 21:04.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Lieber Andreas,

    es ist gut, dass Dein großer Enkel Dich dazu inspiriert hat... bestimmt tut das weh, sich an diese ersten 3 Monate zu erinnern - aber ich glaube, um ein "rundes Bild" von der Katastrophe bekommen zu können, müssen wir wirklich alles wissen.

    Als bei mir nach 6-7 Wochen die Schockstarre nachließ, meldete ich mich bei einem Online-Trauerseminar an. Es war eine sehr, sehr harte Zeit - mit Erinnerungen, etc. Ein Thema war auch die ersten Tage/Wochen nach dem Tod des geliebten Menschen. Diese Aufgabenstellungen aus dem Seminar (das ich nach 9 Monaten abbrechen musste, weil ich keine Kraft mehr hatte) habe ich dokumentiert und so habe ich neben meinem eigenen Trauertagebuch, das ich aber erst relativ spät zu schreiben angefangen habe, so habe ich alle Erinnerungen, die auftauchten, schriftlich festgehalten.
    Mittlerweile sind es vermutlich über 800 Seiten, die ich geschrieben habe. Alles habe ich festgehalten - alle meine Gefühle, alles was ich erlebt habe.
    Wenn ich diese Aufzeichnungen nicht hätte, dann wäre alles weg. Aus eigenen Stücken kann ich mich nicht mehr an alles erinnern. Ob ich jemals meine Schriftstücke verwerten kann, weiß ich nicht. Aber weil ich nach wie vor unter dieser "Trauerdemenz" leide, ist es wohl gut, dass ich alles festgehalten habe.

    Und Dein Schlusssatz mit dem "zaubern" - ja, da bin ich zu 100% bei Dir: auch ich würde meinen Mann wieder bei mir haben wollen.
    So bleiben mir auch nur die Gedanken an ihn in jeder Stunde, an jedem Tag.


Beitrag von Nafets (503 Beiträge) am Samstag, 9.März.2019, 14:29.

  Re: Kenn mich grad nicht aus

    Liebe Marion,

    hängen geblieben bin ich an Deinem Halbsatz: "... aber ich glaube, um ein 'rundes Bild' von der Katastrophe bekommen zu können, müssen wir wirklich alles wissen."

    Ich musste für mich letztlich einen anderen Weg gehen. Diese "Warum"-Frage und Vieles andere unmittelbar um sie drum herum ... ich wäre fast daran zerbrochen. Ich habe versucht zu akzeptieren, das es Dinge im Leben gibt, die sich nicht rational "erklären" und "verstehen" lassen; die (und ich rede hier nur für mich) ich auch nicht zwingend wissen muss. Weil ich mein Leben und das der anderen nicht "steuern" und vor allem Unheil bewahren kann respektive auch in der Vergangenheit nicht wirklich konnte. "Es ist so wie es nun einmal geworden ist" ... damit musste ich erst einmal meinen "Frieden" finden. Das war für mich als bisheriger "Kapitän" und "Steuermann" in vielerlei Lebensbereichen ein unglaublich schwieriger, um nicht zu sagen wirklich extremer "Lernprozess". Die hierbei gewonnene Erkenntnis macht mir derzeit auch manchmal noch "Angst"; die ich früher so nie kannte. Dieses "unkontrollierbare" Leben - sich einzulassen auf seine "Unberechenbarkeit" ...

    Und doch stelle ich mich einem neuen Lebensabschnitt - jeden Tag neu. Unglaublich dankbar für das, was war; aber auch sehr gespannt darauf, was noch kommt, wie auch immer ...

Beitrag von Sammy2009 (242 Beiträge) am Dienstag, 12.März.2019, 12:31.

  Kenn mich wieder aus

    Lieber Stephan,

    gestern habe ich von Ralf Senftleben folgendes gelesen:

    "Der Mensch sucht nach Wahrheiten. Um Sicherheit zu finden. Um besser schlafen zu können.
    Dabei vergessen wir oft eine Sache:

    Was heute wahr ist, kann morgen schon falsch sein.
    Oder was in der einen Situation richtig ist, kann in einer anderen Situation falsch sein.
    Wir wünschen uns so sehr zu verstehen und herauszufinden, wie die Welt funktioniert. Und wie wir selbst funktionieren.
    Aber alles dreht und bewegt sich.

    Wenn du das akzeptierst - also wirklich akzeptierst, dann findest du das, was du suchst:
    Eine gewisse Sicherheit in der Unsicherheit.

    Finde ich persönlich sehr gut und hilft mir, die "Unberechenbarkeit des Lebens" entspannter anzunehmen :)

Beitrag von rose13 (99 Beiträge) am Mittwoch, 13.März.2019, 00:29.

  Re: Kenn mich wieder aus

    Liebe Sammy,

    mir hat diese Geschichte geholfen. Ich bin bei meinem Mann nicht bis zum Ende geblieben und manchmal quält mich der Gedanke. Die Ärzte wussten nicht, wie lange es noch dauern wird. Und ich musste meine Kinder von der Kita und der Schule abholen (in der Schule musste ich um vier Uhr sein, er ist um kurz nach halb vier gestorben) und ihnen diese schreckliche Nachricht überbringen (sie haben nur gewusst, dass er im Krankenhaus ist. Vermutet, dass er sterben wird, haben sie keinerweise.). Im Nachhinein habe ich gedacht, dass ich auch die Kleinen von ihren großen Brüdern hätte abholen lassen können. Und dann denke ich, dass ich so verwirrt war und hatte das Bedürfnis, mich um meine Kinder zu kümmern nachdem ich mich von ihrem Vater verabschiedet hatte. Ich habe doch alles richtig gemacht.

    Liebe Grüße
    Rose13

Beitrag von Sammy2009 (242 Beiträge) am Mittwoch, 13.März.2019, 10:43.

  Re: Kenn mich wieder aus

    Liebe Rose13,
    natürlich hast Du alles richtig gemacht.
    Wenn Du Dir immer wieder bewusst machst, dass Du in einer "unnormalen" Situation bist (denn wir werden ja nicht von Geburt an mit den Verhaltensweisen in so einer Situation ausgestattet), dann nimmt das immer ein bisschen von dem Druck weg.

    Deine Seele und Deine Engel haben Dich davor bewahrt, den Kopf zu verlieren und Deinen Mutterinstinkt in den Vordergrund geschoben. Du hast ganz automatisch Deine Kinder beschützen wollen, während Du ihnen diese schreckliche Nachricht übermitteln musstest.

    Bleib mutig und tapfer, liebe Rose13

Beitrag von ElkeA1957 (20 Beiträge) am Mittwoch, 13.März.2019, 14:10.

  Re: Kenn mich wieder aus

    Hallo,
    die bisherigen Beiträge zu dem Thema haben mich sehr aufgewühlt, da ich nach über einem Jahr mich immer wieder mit den letzten Tagen und insbesondere der letzten Stunde im Leben meines Mannes beschäftige. Er ist ja hier in seinem eigenen Bett gestorben und ich war fast immer bei ihm. Der Einbruch war - trotz langjähriger Krebserkrankung- 3 Tage vorher (konnte nicht mehr alleine aufstehen, Nahrungsverweigerung....).

    Donnerstags sagte mir der Palliativarzt (hatte unser Hausarzt kurzfristig arrangiert), daß mein Schatz das Wochenende sehr wahrscheinlich nicht überlegen würde und ich meine Kinder und/oder gute Freunde zur Hilfe rufen sollte; das habe ich dann auch gemacht und ab samstags war ich nicht mehr alleine.

    Der Arzt meinte auch, daß viele Sterbende loslassen und ihren letzten Atemzug tun, wenn der geliebte Partner abwesend ist. Darauf sollte ich mich einstellen, falls ich mal das Zimmer verlassen würde.

    Thomas sollte nicht alleine gelassen werden, nichts mehr zu essen geben, vorsichtig zu trinken, wenn er möchte... und nicht zuviel reden.

    Ich war noch nie in meinem Leben in solch einer extremen Situation und im Nachhinein kommt mir alles unwirklich und surrealistisch vor.

    Anfangs war mein Mann noch gut bei Bewusstsein, aber dann phantasierte er (Morphium?)von Dingen, die er noch erledigen wollte und die wir auch noch geplant hatten. Zitat:"Sch....krebs- und ich habe keine Lösung..., und immer wieder lange Blicke und ein Kuß und eine Umarmung. Aber eine extreme Unruhe - er wollte einfach nicht loslassen!

    Ich habe ihm bei allem geholfen, wie ich es konnte und wie er es zuließ. Hab auch ein bischen Schimpfe bekommen, weil ich ihn nicht alleine ins Bad nebenan gehen lassen wollte (er wäre hingefallen!). Ich weiß nicht mehr, wie ich das geschafft habe - mit so wenig Schlaf und Nahrung. Aber man wächst sehr wahrscheinlich in solchen Situationen über sich hinaus.

    Und ich hatte Angst, so eine abgrundtiefe Angst!

    Vielleicht hat Thomas die auch gespürt?!

    Jedenfalls meinte der Arzt (kam zwischendurch vorbei, hat geschaut, lange mit mir am Bett gesessen, Medikamente gebracht) am frühen Montagnachmittag auch, Thomas wollte einfach nicht loslassen. Ich wäre aber kurz vor dem Zusammenbruch und hat mir ein Bad und einen Spaziergang quasi verordnet.

    Mein Mann schlief wie ein Baby.
    Ich hab seinem besten Freund aus Jugendtagen gesagt, wenn Thomas jetzt in seinem Beisein stirbt, wär das für mich ok. Hauptsache er ist nicht alleine. Vielleicht wollte ich ihm auch die Entscheidung lassen, ohne mich zu sterben; der Gedanke kam mir kurz.

    Nach einer halben Stunde an der frischen Luft überkam mich aber eine Unruhe und ich bin zurück.
    Thomas atmete ganz schwer, war auch absolut nicht mehr ansprechbar und ich habe 30 Minuten (eine gefühlte Ewigkeit) seine Hand gehalten.

    Ich musste dann ein paar mal den Satz wiederholen: Schatz, lass los! Alles ist gut! Du kannst in Ruhe gehen!Du hast alles getan, was gut und notwendig war!Und ich schaff das schon, bis wir uns wiedersehen!

    Mein Mann ist nicht in Ruhe und Frieden gestorben, glaube ich. Er wollte Leben und den bevorstehenden Tod nicht akzeptieren zum Schluss.Obwohl er immer sagte: Es ist, wie es ist!

    Die Bilder dieser letzten Tage haben sich tief in meine Seele einbegrannt und tauchen auch immer wieder auf; nicht mehr so oft wie in der ersten Zeit, aber dann doch wieder. Wie heute.

    Als ich an seinem Sterbetag in das Zimmer kam, habe ich kurz gedacht, daß Thomas vielleicht hatte alleine sterben wollen, ohne mich. Das hätte ich akzeptiert und dann wäre es eben so gewesen. Aber in so einer Sitation dreht man sich nicht um und geht.Wenn ich eine halbe Stunde länger an der frischen Luft gewesen wäre, hätte er vielleicht friedlicher einschlafen können.

    Man weiß es nicht und ich werde es niemals wissen. Zumindest ist es für mich tröstlich, daß ich bei ihm war.

    Ich hab immer vermieden, Fragen wie :
    ... was wäre gewesen wenn....
    ... hätte, sollte, warum, wieso weshalb....
    zu stellen. Dann würde ich wahnsinnig!

    Wir haben alles richtig gemacht, sage ich.

    Aber:

    Der Mann von einem befreundeten Paares ist einen Monat nach Thomas im Hospitz friedlich und mit sich im Reinen gestorben.Auch Krebs.
    Ich habe herzergreifende Bilder über Whatsapp bekommen.Die beiden haben sogar noch ein Weinchen kurz vorher gesüffelt. Mit ihr bin ich heute - wohnt aber im Rheinland - eng befreundet.

    Zwei Monate vor Thomas Tod ist die Frau eines
    ebenfalls befreundeten Paares ganz elend an Krebs verstorben, und der Mann hat fluchtartig
    Deutschland verlassen. Da denke ich mir - nach Gesprächen - , daß beide noch in die Schweiz gefahren sind.


    Jeder sucht sich vielleicht - wenn es geht - aus, wie er sterben möchte.

    Ich hoffe sehr, daß ich Thomas in seinen letzten Stunden nicht im Weg gestanden habe und
    er durch meine Präsens nicht früher loslassen konnte.

    Es ist wie es ist. Und nicht mehr zu ändern.
    Ich hab es nur gut gemeint und so gehandelt, wie ich es wusste und konnte!

    Ich habe noch nie darüber gesprochen und jetzt in so einem großen Forum.

    Danke fürs zuhören!

    Elke






Beitrag von Sammy2009 (242 Beiträge) am Donnerstag, 21.März.2019, 10:14.

  Re: Kenn mich wieder aus

    Liebe Elke,
    Du bist niemandem Rechenschaft schuldig.
    In dem Augenblick wo wir mit dem Verlust konfrontiert werden, entsteht oftmals ein inneres Erdbeben und der „Überlebens-Mechanismus“ wird aktiviert.

    Es mag sein, dass sich jeder so seine Vorstellungen vom eigenen Sterben macht. Ob es dann schlußendlich auch so eintrifft, wissen wir aber nicht.
    Mein Mann hat immer gesagt „ich möchte entweder abends einschlafen und nicht mehr aufwachen oder umfallen und tot sein“. Meine Antwort darauf war immer die gleiche: "Schatzi, so wie es kommt, so müssen wir es annehmen".
    Er brach zusammen und war sofort ohne Bewusstsein und starb in meinen Armen. Er ist also genau so gegangen, wie er es sich gewünscht hat. Mein Mann hat Barmherzigkeit erfahren – das tröstet mich – und dass er nicht allein war, sondern ich bei ihm sein konnte, hilft mir und ihm hat es auch gefallen.

    Bleib weiter mutig, liebe Elke.


Beitrag von Janneu2806 (19 Beiträge) am Donnerstag, 21.März.2019, 22:09.

  Re: Kenn mich wieder aus

    Liebe Elke,
    ich bin überzeugt, daß Du alles richtig gemacht hast, Du hast aus und in Liebe gehandelt. Du musst dir keine Vorwürfe machen. Ich bin überzeugt auch mein Mann wollte nicht an diesem hässlichen Novembertag mich verlassen. Er hat immer mit mir geschimpft, wenn ich so ungeduldig war und gedraengelt habe. Als ich um 3 erfahren habe, daß er zusammengebrochen auf Arbeit ist und ins Krankenhaus gebracht wird habe ich mir keine großen Gedanken gemacht und auf ihn gehört einfach mal zu warten, leider kam da nur noch der furchtbarste Anruf meines Lebens. Ich habe mich oft gefragt, ob ich haette was ändern koennen, wenn ich im Krankenhaus eher angerufen hätte, waere ich dann in den letzten Minuten bei ihm gewesen. Ich bekomme da keine Antwort mehr und muss es so annehmen. Du hast genauso gehandelt, wie man dir geraten hat und wie du es von deinem Gefühl und deiner Liebe für richtig empfunden hast, da in ich überzeugt.
    LG Jacqueline

Beitrag von ElkeA1957 (20 Beiträge) am Samstag, 23.März.2019, 08:40.

  Re: Kenn mich wieder aus

    Danke für die beiden Antworten!

    Ich fühle mich getröstet und nicht so alleine!

    Ja!
    Ich habe aus Liebe gehandelt und so gut wie ich es konnte.

    Und so langsam sind auch die Bilder der letzten Tage nicht mehr so präsent und im Vordergrund.

    Zunehmend tritt die Dankbarkeit für die schöne Zeit davor in den Vordergrund und manche dieser schönen Bilder rufe ich mir auch bewußt ins Gedächtnis!

    Das wird Thomas mit seiner Lebensfreude, seiner Liebe und seinem ganzen Wesen eher gerecht.

    Das Ende seines Lebens hat er sich so nicht ausgesucht und irgendwie bin ich auch dankbar, daß er nicht so ganz lange leiden musste. Die ersten 5 Jahre mit OP`s und Chemo hat er ja ganz gut verkraftet und wir hatten trotzdem ein schönes Leben.

    Thomas war das Beste, was mir je passiert ist...
    und ich hör ihn gerade sagen:"Liebes! Es ist wie es ist! Und es ist alle gut so wie es ist! Mir geht es gut! Sorge nun für Dich!"

    Elke





  Erinnerungstage   Nafets 31.7.19, 09:45
  Re: Erinnerungstage   Sansibar 31.7.19, 11:57
  Re: Erinnerungstage   blackeyes 31.7.19, 13:34
  Re: Erinnerungstage   conny2 31.7.19, 14:32
  Re: Erinnerungstage   blackeyes 31.7.19, 14:56
  Re: Erinnerungstage   Nafets 31.7.19, 16:01
  Re: Erinnerungstage   Sansibar 31.7.19, 16:49
  Re: Erinnerungstage   conny2 31.7.19, 21:36
  Re: Erinnerungstage   Nafets 31.7.19, 22:35
  Re: Erinnerungstage   blackeyes 1.8.19, 00:21
  Re: Erinnerungstage   conny2 1.8.19, 12:39
  Re: Erinnerungstage   Sammy2009 1.8.19, 15:19
  Re: Erinnerungstage   Jasmin2 5.8.19, 11:07
  Re: Erinnerungstage   Sammy2009 5.8.19, 11:49
  Re: Erinnerungstage   Molly8 5.8.19, 12:55
  Re: Erinnerungstage   Stippi 6.8.19, 21:39
  Re: Erinnerungstage   goldfisch 9.8.19, 15:28
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  Zwei an einem Tag   Carlchen65 26.7.19, 21:08
  Sch.... Ferien   Stippi 26.7.19, 20:40
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  Wie finde ich in mein neues Leben?   Yhona 20.7.19, 13:26
  Leistungsfähigkeit   Sansibar 12.7.19, 22:41
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  2. Abschied   Sammy2009 9.5.19, 09:29
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  Mein Wochenende   Stippi 5.5.19, 22:16
  Zauberwort-Loslassen   Carlchen65 28.4.19, 13:51
  10 Jahre dabei und dankbar   freund95 9.4.19, 11:12
  10 Jahre !   GabiUdo 7.4.19, 19:10
  Re: 10 Jahre !   verysad 9.4.19, 12:51
  Re: 10 Jahre !   cembalist1 27.4.19, 14:09
  Re: 10 Jahre !   conny2 28.4.19, 08:51
  Re: 10 Jahre !   cs65 28.4.19, 10:19
  Re: 10 Jahre !   nina2019 28.4.19, 10:29
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  alter Has mit neuen Tränen   freund95 31.3.19, 17:36
  Jeder Mensch ist anders   BBarbara 28.3.19, 19:11
  Re: Jeder Mensch ist anders   Pumbaline 28.3.19, 20:03
  Re: Jeder Mensch ist anders   BBarbara 29.3.19, 17:59
  Re: Jeder Mensch ist anders   Pumbaline 30.3.19, 21:44
  Re: Jeder Mensch ist anders   Andy58 4.4.19, 14:32
  Kennt ihr das?   Andy58 12.3.19, 16:40
  Re: Kennt ihr das?   Sammy2009 12.3.19, 20:06
  Re: Kennt ihr das?   FrauAntje 12.3.19, 20:45
  Besondere Momente ...   Nafets 6.3.19, 00:26
  Kenn mich grad nicht aus   Sammy2009 18.2.19, 21:37
  Re: Kenn mich grad nicht aus   Carlchen65 19.2.19, 13:40
  Re: Kenn mich grad nicht aus   conny2 19.2.19, 15:31
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  Re: Kenn mich wieder aus    ElkeA1957 23.3.19, 08:40
  Museum?   Mora 2.2.19, 17:10
  Re: Museum?   blackeyes 3.2.19, 12:19
  Re: Museum?   Fabiane 3.2.19, 12:21
  Re: Museum?   cs65 3.2.19, 19:59
  Re: Museum?   Mora 5.2.19, 11:59
  Re: Museum?   Pumbaline 5.2.19, 20:10
  Re: Museum?   conny2 6.2.19, 11:48
  Re: Museum?   Neuseeland 10.2.19, 19:14
  sich verabschieden   everest 11.1.19, 18:09
  Re: sich verabschieden   conny2 11.1.19, 18:57
  Re: sich verabschieden   FrauAntje 11.1.19, 20:08
  Re: sich verabschieden   Pumbaline 11.1.19, 21:30
  Re: sich verabschieden   everest 12.1.19, 09:43
  Re: sich verabschieden   Carlchen65 12.1.19, 11:52
  Re: sich verabschieden   verysad 12.1.19, 12:07
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  Re: sich verabschieden   Sansibar 12.1.19, 13:17
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  Re: sich verabschieden   cs65 14.1.19, 15:32
  Re: sich verabschieden   barryh 21.1.19, 15:18
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  Re: sich verabschieden   barryh 22.1.19, 11:35
  Re: sich verabschieden   Dalia 22.1.19, 21:25
  Re: sich verabschieden   verysad 23.1.19, 09:52
  Re: sich verabschieden   conny2 23.1.19, 18:51
  Re: sich verabschieden   everest 24.1.19, 08:43
  Re: sich verabschieden   RehTse 14.1.19, 21:45
  Re: sich verabschieden   everest 15.1.19, 10:41
  Re: sich verabschieden   PatriziaB 9.2.19, 14:39
  Beiträge verschoben   Oliver 2.1.19, 12:47
  Wenn es einem gut geht   poorqueen6 1.1.19, 11:55
  Vom Zauber der Rauhnächte   Carlchen65 23.12.18, 12:51



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